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So, 16.08.2009 | Rouven Ridder7 Kommentare

Das unsägliche Spiegel-”Netz ohne Grenzen”

Fünf Autoren hatte der Spiegel abgestellt, um einen 13-seitigen Artikel über das Internet zu verfassen. Die Ausgabe Nr. 33/09 trug den Titel “Netz ohne Gesetz – Warum das Internet neue Regeln braucht”, der Artikel selbst “freiheit@unendlich.welt”. Was den Leser dann aber erwartete, konnte er in den ersten zwei Sätzen darunter gleich erahnen: “Längst ist das Internet ein Paralleluniversum. Die Refugien der Diebe, Rufmörder, Kinderschänder entziehen sich weitestgehend der Kontrolle des Rechtsstaats.

Man kann daran leicht erkennen: Das wird kein Artikel über das Internet, sondern einer dagegen. Und so las er sich für mich auch. Als hätte man in der Redaktion ausgewürfelt, welcher der fünf Autoren sich eines speziellen Aspekts des Internets annahm, um alles negative zusammen getragene hinterher wieder eilig zusammenzustricken. Bruch des Urheberrechts, die bösen Social Networks, Aufgabe der Privatsphäre, die schwierige Polizeiarbeit und vor allem: Kinderpornographie.

Nach der ersten Lektüre ging es mir wie Thomas Knüwer: “Tausend Fragen rasen nach wiederholter Lektüre durch meinen Kopf. Die wichtigste lautet: “HÄH?”

Hätte ich mir wie damals im Rhetorikunterricht in der Schule einen grünen Stift genommen, um die Pro-Netz-Argumente zu unterstreichen und einen roten, um diejenigen, die dagegen sprechen, zu kennzeichnen: Rot hätte eindeutig überwogen. Ein kleiner, grüner Sprengsel hätte mir z.B. erzählt, dass es sich bei den bösen Sachen nur um “Randerscheinungen” handelt.

Da werden letztendlich Dinge nah aneinander gerückt, die so nichts miteinander zu tun haben, im Lesefluss aber plötzlich Relationen erscheinen lassen. Stefan Niggemeier bemerkt z.B. eine solche Stelle gleich zu Beginn des Textes:

Perfide ist der Text gleich am Anfang, als er erst beschreibt, wie ein Polizist im Internet gegen Kinderpornographie kämpft, und dann fortfährt:

“Sie sind ganz schön weit, die Kämpfer um die staatliche Hoheit im Cyberspace.

Die an der anderen Front aber auch. Die Flagge mit dem schwarzen Segel auf weißem Grund weht schon in unmittelbarer Nähe des Berliner Regierungszentrums: Die Piratenpartei hat Ende Juni ihr Wahlkampfbüro für die Bundestagswahl eröffnet.”

„Die an der anderen Front”? Da muss man schon sehr genau aufpassen beim Lesen, um nicht zu denken, dass die Piratenpartei für den freien Zugang zu Kinderpornographie kämpft.

Und Menschen werden für die Panikmache vor dem Internet eingespannt, die das mit Sicherheit auf diese Weise nicht gewollt hätten. So erscheint Larry Lessig, der Erfinder der CC-Lizenz, in folgendem Kontext:

Das Netz macht, was es will, und das ist kein Ausdruck von Freiheit, sondern von Gefahr: “Der Cyberspace, sich selbst überlassen, kann das Versprechen der Freiheit nicht erfüllen”, warnt Lawrence Lessig, Stanford-Rechtsprofessor und der weltweit bekannteste Prediger einer neuen Netzordnung.
Wolfgang Schäuble würde das nicht anders sehen.

Lessig und Schäuble als Gleichgesinnte. Wer hätte das gedacht?

Der Spiegel-Artikel unterlässt es auch sträflichst herauszustellen, dass das Internet eben kein rechtsfreier Raum ist und ebenso den Gesetzen unterliegt wie die Realität. All die Dinge, die er im Internet findet und anprangert, sind gleichfalls- und zwar als Randerscheinungen – im realen Leben zu finden. Niggemeier unternimmt dementsprechend den Versuch und ersetzt veranschaulichend in einem Absatz einige Begriffe der digitalen mit der analogen Welt. Man kann deutlich erkennen, wie demagogisch der Artikel argumentiert:

Im Netz In der Welt tost nicht nur Karneval, es herrscht auch Krieg. Der Cyberspace Die Welt des 21. Jahrhunderts ist in der Hand von globalen Playern des Kommerzes, Finanzjongleuren, wirtschaftlichen und politischen Tyrannen. Die Grauzonen dieser neuen Weltordnung werden vom organisierten Verbrechen genutzt. Während an der Oberfläche des digitalen analogen Reichs tausend bunte Blumen blühen, Shopping, Chats, Schöngeistiges, wuchert im Wurzelwerk darunter ein Pilzgeflecht aus Intrigen, Täuschung und Terror.

Das hinderte den Spiegel aber nicht, eine – wie auch immer – Beteiligte des Magazins im ZDF sagen zu lassen, dass Gewaltdarstellungen und Kinderpornographie im echten Leben nicht möglich sind, sondern nur im Internet:

Interessanterweise ist der Artikel selbst übrigens nicht bei Spiegel Online zu lesen. Stattdessen bekommt man dort zehn Thesen geliefert: “Warum die Dummheit des Netzes ein Segen ist“. Ennomane sagt darüber:

Da wird beschrieben, warum es gut ist, dass das Netz nicht auf die Inhalte schaut, die es transportiert. Dass nicht das Netz an irgend etwas schuldig ist, sondern nur die Anwender, die es missbrauchen. Warum es albern ist, beim Benutzen des Social Web von Exhibionismus zu sprechen. Warum der Jugendschutz nicht über alles andere gestellt werden kann. Warum Kulturpessimus nicht weiterhilft und so weiter, und so weiter und so weiter. Also in jeder Hinsicht das komplette Gegenteil.

Heute, am Montag, gibt es einen neuen Spiegel am Kiosk, Nr. 34. Den alten können wir getrost wegwerfen. Den neuen… , mal sehen.

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7 Kommentare »

  • Andy said:

    Zu diesem Thema kann ich nur Chaosradio Express Nr. 129″ (Globales Dorf – Rechtsfreier Raum?) empfehlen. Hier unterhält sich “Tim Pritlove” mit dem Rechtsanwalt Udo Vetter” über den Mythos des rechtsfreien Internets.

  • Markus Freise said:

    “… dass Gewaltdarstellungen und Kinderpornographie im echten Leben nicht möglich sind, sondern nur im Internet.”

    Da wird mir spontan schlecht. Das diese Gewalt und diese Kinderpornografie aber im „echten Leben“ stattfinden müssen, damit sie im Internet dargestellt werden können, wird hier wohl einfach mal außer acht gelassen. Wenn das Internet ein Spiegel ist, dann braucht es immer noch ein Bild, das es zurückwerfen kann.

  • Doc Atkins said:

    P R O P A G A N D A !

    Übelster Art.

  • textexter said:

    Danke blogboys. Es ließe sich aber in den späten Tagen des September locker korrigieren, wenn nicht die Masse der Wähler zu feige für ein Statement für 4 verlorene Jahre wäre. Zeigt doch einfach mal, was ihr von dem Geldkofferträger und Erinnerungsverlierer Wolfgang Schäuble, der Hysterikerin in der angebräunten Tradition ihres Vaters, Ursula von der L., und der nichts kommentierenden Nichtsbewegerin Angela Dorothea “IM Erika” M. gestalteten “Zukunft des Web” haltet.

  • Mischa said:

    Und was bitte schön ist denn die Alternative (ohne die Vergangenheit schönreden zu wollen)? Ein Kanzlerkandidat der gebürtige Deutsche an die CIA “verkauft”? Nein, danke. Pest und Cholera diese Wahl.

  • Markus Freise said:

    Nein. Bei Pest und Cholera weiß man wenigstens, was man bekommt. ;-)

  • Spiegel vs. Google | killefit.net said:

    [...] – Der Konzern, der mehr über Sie weiß als Sie selbst”) ist so ein Beispiel dafür. Ähnlich wie damals, als er das Internet pauschal als “gesetzlos” bezeichnete. Im neuen Beispiel wird dann oft wiederholt, dass schließlich nicht sicher sei, wie lange Google [...]

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