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So, 05.07.2009 | Rouven Ridder6 Kommentare

Von wegen “Muff”!

Vor Referaten in gut gefüllten Hörsälen oder Seminarräumen hören nervöse Vortragende immer allerhand gute Tipps. Da ist dann zum Beispiel die Rede davon, man solle sich „alle, die vor dir sitzen, einfach nackt vorstellen“. Das funktioniert auch ganz prima, zumal jeder weiß, dass alle Menschen unter ihren Kleidern nackt sind, ob sie es sich gerne eingestehen wollen oder nicht. Dummerweise kommt einem bei dieser Vorstellung irgendwann einmal selbst in den Sinn, dass man ja ebenfalls unter seinen Klamotten nix drunter hat und muss sich wieder genauso beherrschen wie ohne diesen Gedankenkniff. Festzuhalten bleibt aber: Alle sind unter ihren Kleidern nackt.

Ähnlich verhält es sich mit dem Sex. Alle haben ihn oder wollen ihn haben. Und einmal ganz weit aus dem Fenster gelehnt würde ich sogar so weit gehen zu behaupten, dass (fast) alle Menschen dieser Welt infolge von Sex überhaupt existieren. Man entschuldige mir bitte diesen Gedankenausflug in die elterlichen Betten. Aber auch hier reden die Leute in den seltensten Fällen öffentlich über ihr Intimleben. Das Schweigen hierüber steckt in uns abendländisch soziologisierten Menschen drin. Darüber quasseln tut man nicht. Es sei denn, man verspricht sich dadurch einen besseren Status wie bei dem einer „Sex and the City“-Rolle.

Aber kaum wird einmal ein Intimleben bekannt, offenbaren sich die scheinheiligen Seelen und sind imstande, den Betrieb einer Uni-Fakultät aus der Normalbahn zu katapultieren: Ein Professor soll angeblich eine Doktorandin zum Geschlechtsverkehr genötigt haben. Was er selbstverständlich abstreitet. Es steht Aussage gegen Aussage.

Natürlich ist das eine Meldung für die Medien. Neugier will befriedigt werden und das hebt die Auflage. Es kommt bloß darauf an, wie man’s macht.

Wir dürfen nämlich nicht vergessen, dass hier niemand etwas getan hat, solange nicht die Schuld bewiesen wurde. Beiden Protagonisten gegenüber gilt die Unschuldsvermutung, sie sind derzeit unschuldig. Deshalb wird in den meisten Berichten auch nicht mit Konjunktiven gespart.

Ich halte es aber für unverantwortlich von einigen Medien, mit einigen Hinweisen den Kreis der möglichen Hauptfiguren derart eng zu zeichnen, dass die Studenten der Fakultät sofort wissen, um wen es sich dabei handelt. Dabei denke ich gerade ganz besonders an einen WDR-Beitrag (inzwischen wird bei mir, wenn ich den Beitrag aufrufe, die Meldung angezeigt: “Netzwerkfehler – Datei nicht vorhanden”). Man stelle sich einmal vor, es sei seitens des Profs tatsächlich gar nichts vorgefallen. Der Mann wird bereits jetzt seines Lebens nicht mehr froh sein*.

Darüber hinaus ist es mit Sicherheit nicht besonders förderlich für die eh bereits auf der Kippe stehende Stimmung innerhalb der betroffenen Fakultät, wenn man seine Artikel zu diesem heiklen Thema zum Kommentieren geöffnet lässt. Es war nur klar, dass das unter anderem missbilligende Pöbeleien anzieht.

Und seit dem WDR-Beitrag weiß ich, dass ich im Falle eines anonymen Interviews verlangen werde, mir dabei bittebitte so eine Profi-Verfremdung à la RTL zu gestatten. Mit völliger Verpixelung und Stimmenveränderung. Nicht so einen halbgaren Schmu .

Wir halten noch einmal fest: Bis zu einem Schuldspruch hatten hier bloß zwei Menschen ein bisschen Sex. So etwas soll in den besten Familien vorkommen, hab ich gehört. Ach halt, Moment. Selbst das ist gar nicht bewiesen. Ich hab das also nicht geschrieben.

P.S.: Und wenn hier jetzt ebenfalls gerüchteschürende Kommentare wie beim WB erscheinen, werde ich einschreiten. Ist klar, ne?

——————————————–

*Vielleicht fühle ich mich gerade aber auch zu sehr an den Film „Enthüllung“ erinnert, in dem Demi Moore den Vorwurf der sexuellen Belästigung benutzt, um Michael Douglas aus der Firma zu schießen.

(Vorschaubild: kyz, Lizenz)

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6 Kommentare »

  • Svähän said:

    Ein gutes Beispiel für Bilderarmut!

  • Rouven (author) said:

    Meinst Du etwa diesen Text hier?

    Bei dem Thema möchte ich auf keinerlei Symbolfotos zurückgreifen.

  • Carsten said:

    Soweit ich es verstanden habe, behandelst du in diesem Artikel einerseits die Frage, was im Sinne einer journalistischen Verantwortung einen Informationswert hat und was nicht berichtet werden sollte, und andererseits die Verwendung einer Kommentarfunktion bei Online-Publikationen.

    Zunächst: Ohne die genaue Suchweise darzulegen, es reicht für jeden halbwegs intelligenten Menschen die Information, dass der Betroffene Dekan ist, um herauszufinden, wer gemeint ist. Insofern ist eine “Aufdeckung” der Person eh schon einfach.

    Ich denke allerdings auch, dass man einige Informationen wie Alter, Arbeitsbereich oder Beziehungsstatus mit Blick auf den Nachrichtenwert weglassen hätte können. Wenn Medien die Personen so gar nicht charakterisieren, läse sich das aber vielleicht seltsam.
    Da ich über diese Sache gebloggt habe, kann ich aber sagen, dass trotz fragwürdiger Informationen, noch sehr viele damit nichts anfangen können. Das Ausschlachten dieser Geschichte hätte schlimmer kommen können.

    Dass andererseits beim Westfalen-Blatt die Kommentarfunktion offen ist, finde ich gut, da es sich bei dem betreffenden Artikel um einen “Kommentar” handelt, nicht um den offiziellen Medienbericht. Die Frage ist, wie sind Kommentare über die Kommentarfunktion zu handhaben, denn einiges, was dort hinterlassen wurde, geht in Richtung Verleumdung. Ich bin mir selbst bei einem Kommentar zu meinem Artikel unsicher, weil er eben keinen Bezug zu meinem Artikel hat und insofern ein anderes Thema behandelt. Da braucht es etwas Fingerspitzengefühl. Aber wir Niggemeier letztens schrieb: Darin wird bei Zeitungen derzeit eh kaum Rücksicht genommen.

  • Rouven (author) said:

    @Carsten: Insgesamt gesehen hast Du Recht, dass meine Kritik sich gegen die mediale Aufarbeitung richtet.

    Ein Uni-Angehöriger wird mit wenig Mühe herausfinden können, um wen es sich dabei dreht. Und ich stimme Dir zu, dass Berichte hierüber ohne ein paar Personenangaben sehr merkwürdig klängen, so als hätte man sich die “Geschichte” ausgedacht (“eine Person in hoher Position soll…”).

    Du meinst allerdings: “Das Ausschlachten dieser Geschichte hätte schlimmer kommen können.” Das kann es ja nun auch nicht sein, denn es kann schließlich immer alles überall schlimmer kommen, als es ist.

    Der WDR hat – so empfinde ich es zumindest – den Bogen überspannt, indem er sich beinahe in RTL-Manier auf den Fluren der Fakultät rumlümmelte (und diese benannt hat. Das hatten die Zeitungen z.B. vermieden), dann aber die allen fakultätsangehörigen bekannte Mitarbeiterin nicht unkenntlich genug gemacht hat. Das sorgt schon für reichlich Unfrieden in der Mitarbeiterschaft, meine ich.

    Dazu kommt noch das Öffnen der Kommentare beim WB. Es stimmt, es handelt sich bei dem dortigen Beitrag selbst um einen Kommentar (das hatte ich z.B. gar nicht bemerkt, danke für den Hinweis), nicht um einen Artikel. Insofern sind Meinungen dazu natürlich gestattet. Dennoch werden darunter Kommentare veröffentlicht, die verleumderisch sind. Auch, wenn einige der Beteiligten an der dortigen Diskussion der Meinungs sind, dort würde per Löschung oder Kürzung Meinungsfreiheit gestutzt: Eben das geschieht dort nicht, weder das eine noch das andere.

  • Carsten said:

    Jo, das ist wohl korrekt. Den WDR-Bericht kenne ich nicht und die Kommentare beim Westfalen-Blatt werden wohl nicht gegengelesen. So fungiert deren Internetseite als Gerüchteschleuder.

  • logbuch:caasn:de » Blog Archive » Der Sex-Skandal der Uni Bielefeld said:

    [...] einerseits nicht geklärt wurde, d.h. möglicherweise ist es “nur” zu Sex gekommen, wie die Blogboys auch meinen, andererseits habe ich grundsätzlich nichts gegen die Verwendung eines Begriffes wie [...]

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