Was vom DSC Arminia Bielefeld übrig ist.
Am Ende musste Hans-Hermann Schwick seinen eigenen Traum zu Grabe tragen. Ein Traum, den er nicht müde wird zu wiederholen, wenn man ihn lässt. So wie man ihn bei seiner Abschiedsrede zu Beginn der Jahreshauptversammlung 2009 des DSC Arminia Bielefeld gelassen hatte. Dann erzählt er davon, er wolle nur einmal mit der Arminia in Mailand spielen. So erwarte er keinen Dank für seine Arbeit für den DSC, sondern lediglich eine Einladung zum ersten UEFA-Cup-Spiel.
Nun will ich Herrn Schwick nur das Beste wünschen, doch ob ihm die Erfüllung dieses Traums noch gegönnt sein wird, ist seit Montagabend fraglicher denn je. Oder immer. Nach fast genau 6 Stunden Versammlungs-Marathon steht der DSC vor einem Scherbenhaufen, um den ihn jeder Polterabend beneiden würde. Worum uns das Brautpaar dann aber nicht beneiden würde, wäre die ausgesprochene Spaltung, die mit dem Ergebnis einhergeht.
Standen in den Tagen davor alle Zeichen auf Neuanfang, so waren es besonders die beiden Präsidentschafts-Aspiranten Daudel und Obermann, die zum einen mit einer Rhetorik die wild zwischen Dilentatismus und Berserkertum pendelte, zum anderen mit unverhohlenem Macht-Gelechze und Profitgier, das feine Porzellan unserer Arminia mit Füßen traten. Das es daran zerbrach, das war nach den Eröffnungsplädoyers der beiden abzusehen*. Das es das letztendlich tat, dafür sorgten dann einzelne Fan-Gruppen mit Zwischenrufen, deren Niveau zumeist deutlich unter dem von Gerichts-Shows im Fernsehen lag. Ach, wie der Volksmund uns schmackhaft machen möchte: Viele Köche verderben den Brei. Und wenn der erstmal versaut ist, findet sich meist niemand, der ihn auslöffeln möchte.
Hatten wir nicht eben, wie Schwick, noch davon geträumt, endlich eine Rolle im deutschen Fußball spielen zu wollen? Davon, dass es wirklich zur Ausschüttung der kolportierten 75 Millionen Euro in den kommenden drei Jahren kommen könnte? Von einem Trainer im Format Mirko Slomka und dass der mal richtige Fußballer mitbringen würde? Und so ganz weit hergeholt konnte das nicht sein, wenn Boulevard-Schwalben wie Assauer oder Matthäus ihre Chance gewittert hatten, einmal mehr ihre Eitelkeit zur Schau zu tragen. Doch die alle können nun da bleiben wo sie sind. Nicht, weil wir sie nicht wollen, sondern weil wir mit sowas nicht umgehen können.
Denn wenn man Daudel fehlendes Feingefühl (vermutlich sogar dumpfe Grobschlächtigkeit) und Obermann verlogene Machtgeilheit vorwerfen will, so kam mir bei der Beobachtung der Dynamik, die deren Reden im Zusammenspiel mit der aufgestauten Wut des herumpöbelnden Teils des Publikums entstand, immer nur das Wort „Unverantwortlich!” in den Sinn. Unverantwortliches Verhalten gegenüber der Aufgabe, die den beiden Kandidaten schon durch ihre Nominierung gestellt worden war. Die nichts anderes tun sollten, als die verletzte Fan-Seele durch warme Worte und wenn schon nicht Visionen, dann zumindest positive Aussichten zu heilen. Niemand erwartete Brandreden. Niemand wollte obamaeske Verhältnisse. Niemand wollte einen regenbogenfarbige Orgie bei der grauen Maus des deutschen Fußballs. Nur die Hoffnung, mal wieder richtig guten Fußball auf unserer geliebten Alm zu sehen. Da haben die beiden auf allen Linien versagt.
Doch ebenso unverantwortlich war das Verhalten der Fans. Als sie Daudel nicht einmal die Chance einräumen wollten, etwas zu sagen und ihn schon lautstark auspfiffen, bevor er nur ein Wort herausgebracht hatte. Als sie auf den offenen Betrug am Verein und an der Glaubwürdigkeit der Zuschauer durch Obermann hereinfielen; wie dieser mit widerwärtigem Populismus auf die nahezu unverzeihbar schlechten Reden Daudels mit dem Rückzug vom Rückzug reagierte. Beide Ausschweifungen, die Respektlosigkeit und der Jubel, hüllten sich letztlich in die erwähnte Wut über die durch die bisherige Vereinsleitung nicht genutzten Chancen bei der Weiterentwicklung des DSC Arminia Bielefeld als Fußball-Verein. Wut war das vorherschende Thema am 22. Juni 2009 in Bielefeld. Es schien, die gesamte JHV war einzig und alle dazu angedacht, der aufgestauten Wut der vergangenen Wochen Luft zu machen. Und wenn überhaupt etwas gelang an diesem Abend, dann das. Nur leider ist aus Wut nie etwas gutes gewachsen. Wut resultiert, sofern sie nicht kanalisiert wird, immer nur in Zerstörung.
Was gute 48 Stunden später davon bleibt ist nur unzureichend mit Ernüchterung zu bezeichnen. Der Vorstand ist fast der gleiche. Statt des Slomka wird es nun wohl Büskens, statt Mailand Augsburg und statt Fußball Armnia Bielefeld. Es wird nicht leicht werden in den kommenden Wochen und Monaten und es tut mir in der Fan-Seele weh, mich in dem bestätigt zu wissen, was ich Mischa bereits direkt nach dem Abstieg prophezeit hatte: Dass vor einem wirklichen Neuanfang eine noch tiefere Spaltung unseres Vereins stehen würde. Dass wir erst ganz, ganz weit nach unten müssen um zu merken, wie schön es oben sein konnte. Auch deshalb habe ich dem am Ende der JHV vorgeschlagenen Vorstand letztlich meine Stimme nicht gegeben. Um den Abstieg zu beschleunigen. Das ist misslungen. So stehen wir also weiter am Abgrund, schauen hinunter und wissen nicht so recht weiter. Geschweigen denn zurück. Aus Wut wurde Ohnmacht.
Ich wage es gar nicht, zu sagen, wir hätten die Kröte Daudel an diesem Abend schlucken sollen, nur weil das, was wir nun als Ergebnis in Geschäftsstelle sitzen haben auch nicht besser ist, als sich durch die Wahl Daudels ein wenig korrumpieren zu lassen. Auch ich war nach dessen Reden entsetzt darüber, mit welcher vermeintlichen Dummheit er selbst und sein Berater (sofern er welche hatte) agiert hatten. Der Mann war an diesem Abend schlicht unwählbar. Von Obermann mal ganz zu schweigen. Da hätten wir uns nicht nur verkauft, sondern gleich auch noch verraten. Wenn der heute Präsident wäre, dann wäre die Mitglieds-Nr. 5248 wieder frei. Den hätte ich nicht mitgetragen. Nur was Daudel angeht, da bin ich mir zwei Tage später nicht mehr so sicher. Sieht man nämlich einmal an ihm und seiner Inkompetenz vorbei und was er für ein hervorragendes Vorstands-Team im Rücken gehabt hätte: Arminia hätte auf lange Sicht eine Perspektive gehabt. Vielleicht auf kurze Sicht einen fragwürdigen Präsident. Doch das wäre ja nicht für immer gewesen. Präsidenten kommen. Präsidenten gehen.
Und machmal kommen sie wieder.
Denn das dies dann doch nicht das Ende der Arminia sein muss, verdanken wir der Ironie des Schicksals. Wenn überhaupt irgendjemand diesen mentalen Neuanfang initiieren kann, dann ist das der Mann, der ihm eigentlich nicht im Weg stehen wollte und nun doch voran gehen muss. Der Mann, von dem ich behaupten will, dass er von allen an diesem Abend der einzige war, dem man abnehmen konnte, dass ihm um eins ging: Seine Arminia. Er war zum Ende seiner vergangenen Amtszeit nicht der beste Mann auf diesem Stuhl. Er ließ viel zu oft Kampfesgeist, Visionen vermissen. Doch hoffen wir einfach, dass auch ihm dieser Abend in der Stadthalle eine Lehre war. Herr Schwick, ich wünsche Ihnen von hier aus viel Glück, Kraft und Geschick bei der ihnen anvertrauten Aufgabe. Und dass wir gemeinsam eines Tages das erste Euroleague-Tor unsere Blauen bejubeln dürfen. Auf geht’s!
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Eins steht fest, und da sind wir uns absolut einig: Das Team DAUDEL (mit der Entdeckung Kottmann, Lauritzen, Leopoldseder und Co.), bloß OHNE DAUDEL, wäre mit Sicherheit der richtige Schritt gewesen, vor allem, weil man in dem Falle das OK der Sponsoren gehabt hätte (denke ich).
Aber ich bleibe dabei – und das habe ich ja auch immer und immer wieder vorhergesagt: Dass es gekommen ist wie es gekommen ist war für jeden der ein bisschen Kenne der Fanszene hat glasklar, das hat der Verein zu verantworten bzw. Daudel und seine Berater (und nicht der pöbelnde Fan; damit muss man rechnen, dem muss man pazifizierend entgegenwirken und nicht wie Daudel mit Beileidigungen um sich schmeißen): Man hat im Vorfeld versäumt zu eruieren, wie chancenlos der Kandidat Daudel war (und dass man das, was selbst ein Amateur wie ich mit einem Auge gesehen hat, nicht erkannt hat, zeigt, wie fern der Realität die Verantwortlichen herumdilletieren), außerdem hat man schlicht und ergreifend die Macht der Fans unterschätzt. Die Verantwortlichen haben viel zu lange am Fan vorbei agiert. Die Quittung haben sie am 22.6. erhalten.
Allein, die Leidtragenden sind wir: Fans, Stadt, Region.
(Fairerweise finde ich es sehr wichtig auch die Sichtweise der Kritischen Arminen zu dokumentieren!)
Ach so, Nachtrag: Das wirklich Erschreckende war, dass da kein einziger war, der eine Vision hatte, ein kurzes, schlüssiges Konzept, wie er sich die Zukunft Arminias vorstellt. Nur Allgemeinplätze, Dekonstruktives und Beleidigendes.
Kurz: Da war schlicht niemand, den ich hätte wählen wollen, oder, wie du immer bei code-x sagst: “Man muss den Kunden mitnehmen.” Wenn ich mir die Reden angucke – da nimmt mich keiner so richtig mit.
Um es mal mit Frontzecks Worten auszudrücken (“Wer weiß, wieviel dieser Punkt am Ende wert ist”), wer weiß, wozu es gut war, dass nun doch Schwick weiterhin das Präsidentenamt inne hat und kein Daubel oder Obermann (aus oben genannten Gründen), die uns “vielleicht” in Zukunft noch tiefer gerissen hätten, weil sie falsche Spiele spielen. Ich weiß, viel Spekulationen, viel Interpretationen, aber der Artikel in der NW ( falls es wirklich so vorgefallen ist) lässt mich sehr nachdenklich werden, was eine andere mögiche Zukunft angeht, von denen Viele meinen, sie wäre jetzt zerschlagen worden.
Schöne Zusammenfassung des Abends Markus, Danke.
Allerdings habe ich als unvoreingenommener Betrachter des Spektakels der ich war., doch einen etwas anderen Gesamteindruck. Wobei der wenig besser ist.
Zum einen: Die offen zur Schau gestellte Verweigerung der Vereinsführung, im Falle einer Wahl Obermanns mit ihm zu kooperieren finde ich schlichtweg untragbar. In dem Moment, in dem die Stimmberechtigten diesen Auftrag an ihn (oder irgendeinen anderen Kandidaten) vergeben, ist es ihr Job, auch in einer unbequemen Lage sofort wieder arbeitsfähig zu werden -und das Votum der Mitglieder zu akzeptieren und in etwas Produktives umzusetzen. Das gebetsmühlenartige Wiederholene der “sofortigen Arbeitsfähigkeit” des “konservativen Lagers”, inkl. Benennung eines neuen Trainers am Dienstag hat sich scheinbar doch in heiße Luft aufgelöst.
Gleiches gilt im Übrigen auch für die oft zitierte “Wirtschaft”. Den Wunsch nach Einflussnahme durch die Besetzung von zentralen Ämtern (und das mit echtem Interessenkonflikt) finde ich durchaus anmaßend. Es geht ja nicht um gemeinnützige Spenden, sondern um Investitionen, die irgendwann auch wieder eine Rendite tragen sollen (so zumindest mein Stand der Dinge). Und wie kann man dies ehrlich aushandeln, wenn man auf zwei Stühlen sitzt?
Am meisten hat mich dieser unbedingte Willen zum Festhalten an alten Seilschaften geärgert. Und die wenig transparenten Modalitäten der Wahl. Mit etwas Phantasie kann man dem ganzen sogar Vorsatz unterstellen. So intensiv, wie Schwick von Anfang an aufgebaut wurde, könnte es gut sein, dass diese Option bereits von Anfang an ins Kalkül gezogen wurde – und offensichtlich auch sauber in die Dramaturgie des Abends einfloss.
Abschließend bleibt zu sagen, dass ich über das Agieren der Pressevertreter, in deren Mitte ich ja sitzen konnte, zumindest sehr irritiert war. Kritische Berichterstattung sieht aus meiner Sicht anders aus. Ich hätte mir gewünscht, nein, erwartet, dass die Redakteure ständig unterwegs sind, Stimmen einfangen, mit den Beteiligten sprechen, dass sich zumindest einer aus diesen Reihen aufmachte und mit Obermann spricht – um einen Blick hinter die Kulissen zu erhaschen. Passierte aber nicht.
Dennoch war es höchst spannend, diesem Event beizuwohnen. Aber ein zweites Mal muss ich das nicht haben…
Oliver, Du hast mit allem was Du sagst Recht. Das ganze stinkt so unglaublich zum Himmel, dass es kaum auszuhalten ist. Auch das war einer der Gründe, dem Vorstand meine Stimme nicht zu geben: Wenn ich keine Wahl habe, kann ich nicht mitgehen. Dein Gedanke, dass alles konzertiert war, finde ich interessant. Da muss ich mal drüber nachdenken. Im Übrigen ein Vorwurf, den ich bereits am Abend den KA gemacht habe. Da schwanke ich irgendwo zwischen „Wie raffiniert!” bis hin zu „Wie widerwärtig!”. Überhaupt ist „widerwärtig“ nach „verantwortungslos“ das zweite Wort, dass mir zu allem einfällt. Fand dich die Dynmaik des Abends in der Pause noch spannend und bildete ich mir ein, Politik hat auch was dramatisches, ja unvorhersehbares, blieben am Schluss nur Ernüchterung und Verachtung. In etwa lief der Abend für mich so. Nun jedoch, mit dem Abstand zweier Nächte, bin ich dann wieder Armine und sehe mich zwar gezwungen, aber auch aufgerufen, gemeinsam mit dem gewählten Vorstand und allen Fans das Beste für den Verein zu wollen. Und das ist guter Fußball.
Gut geschrieben, genauso ist es!
Ich gehe 100% d’accord mit allem was du schreibst, Markus. Allerdings hätte Daudel, und da stimme ich Mischa zu, auf die unsäglichen Zwischenrufe vom ‘Pöbel’ einfach anders reagieren müssen, sonst hat man auf dem Posten nichts zu suchen.
Ich hätte die erste Variante trotz des ungeschickten Daudels wohl auch mein JA gegeben, weil die anderen Kandidaten im Vorstand einem zusagten. Mir ist immer noch nicht klar, warum am Ende letztendlich Mamerow wieder drin war und Lauritzen z.B. raus. Warum hat man nicht einfach Schwick im ersten Vorschlag ersetzt?
Letztendlich wird mein Eindruck von Obermann durch die heutige NW noch unterstützt und man muss wirklich dankbar sein, dass der Kelch an uns vorüber ging. Würde gerne mal wissen, was die Kritischen Arminen INTERN zu dem ganzen sagen (nicht das was auf deren HP steht…)
[...] wie Klaus Daudel bei der Jahreshauptversammlung des DSC Arminia Bielefeld hinsichtlich der regen Diskussion um seine Person als Präsidentschaftskandidat sinngemäß laut [...]
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