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Di, 12.05.2009 | Rouven Ridder6 Kommentare

Bist du schön?

Auf dem Sender ARTE gab es gestern einen Themenabend über das Gegensatzpaar “schön/hässlich”, den ich hochgradig spannend fand. Dabei wurden selbstverständlich bereits oft erwähnte Aspekte wie das subjektive Empfinden angesprochen, diese dann aber wieder so detailreich ausgeschmückt, dass die einzelnen Sendungen nicht langweilig wurden.

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Über Schönheit streiten sich bekanntlich nicht nur dem Sprichwort nach die Geister und Geschmäcker. Was oder wen ich als schön empfinde, kann der/die nächste genauso gut als langweilig erachten. Oder sogar pottenhässlich. Und um gleich mal ein Beispiel zu nennen und nicht lange bei Fahrradhelmen oder ähnlichem stehenzubleiben, nehmen wir doch einen Menschen: Ich persönlich halte Kate Moss für eine sehr schöne Frau (die Frau ist bereits seit Längerem im Geschäft und ich nicht mehr so drin im aktuellen Boulevard).

Das britische Model weist ein äußerst ebenes Gesicht auf und dieses – so scheint es mir – zeugt von spiegelgleicher Symmetrie. Ich achte sehr viel auf Gesichter. Ob Frau Moss jetzt ein Hungerhaken ist, sei einmal dahingestellt. Eventuell besitzt der Gedanke an sie auch bei mir auch einen etwas reizvollen Nachhall, da ich bei ihr stets an den frivolen Einsatz im Primal Scream-Video „Kowalski“ denken muss.

Wie dem auch sei. Die ästhetischen Wissenschaften versuchen seit Jahrhunderten, die Schönheit in Formeln zu fassen oder ein theoretisches Gebäude zum besseren Verständnis zu errichten. Kants „ästhetisches Spiel“ ist hier wenig hilfreich, da es den Dingen einen Wert beimisst, je stärker es die Sinne beansprucht. Und hässliche Dinge können die Sinne sogar noch stärker beanspruchen.

ARTE kam ebenfalls auf die Symmetrie zu sprechen, zitierte für Proportionen den „Goldenen Schnitt“ und ließ Wissenschaftler zu Wort kommen, die darin das Ideal sahen und eine Erklärung dafür, was wir an anderen Menschen als optisch schön und damit harmonisch empfinden. Kleine Kinder sollen Bilder mit derart schönen Menschen darauf wohlwollend länger betrachtet haben als wenn darauf „hässliche“ Personen abgebildet sind.

Einen Aspekt der Sendungen fand ich äußerst spannend: Danach empfinden Kinder bis hin zur Pubertät anscheinend kein ästhetisches Selbstbewusstsein. Sie können beim Blick in den Spiegel gar nicht entscheiden, ob sie schön oder hässlich sein könnten. Das wunderte mich dann sehr stark, kann ich mich doch an Situationen in Kindergarten und Grundschule erinnern, in denen wir uns diese Attribute doch knallhart an die Köpfe gerufen hatten.

Dem Bericht zufolge soll das Bewusstsein aber erst mit den aufkommenden , hormonellen Wellen im Teenageralter eintreten: Wenn der eigene Körper plötzlich völlig ungewohnte Dinge tut, er dir „selbst fremd und schmutzig wird“, Pickel wachsen und verbotene Handlungen wie Masturbation überhaupt ein Thema werden.

Ab diesem Zeitpunkt beginnt man sich überhaupt erst einzuordnen in die Antagonistenskalen, die früher mit Märchen wie „Die Schöne und das Biest“, in denen das Biest die Summe aller Ängste darstellte, vermittelt und hingenommen wurden,.

Es gibt viel mehr Dinge und Menschen auf Erden, die nicht das jeweilige Ideal verkörpern, und selbst dieses ist meistens ein Monstrum, aus idealen Einzelteilen zur Idealst-Idee zusammenkonstruiert wurden. Das Meiste, was von der Natur oder – meinetwegen – von Gott „gewollt“ wurde, entspricht dem nicht.

Erwachsen werden würde bedeuten, sich mit den optischen Mängeln (sofern man sie als Mängel und nicht als naturgegeben begreift) abzufinden. Das klingt fatalistisch, da man sich stets mit dem medial vermittelten Ideal misst. Oder, wie eine Befragte im ARTE-Themenabend sagte: „Der Blick der anderen bestimmt, ob man sich schön oder hässlich empfindet.

Und wer dann darauf besonders viel Wert legt, stattdessen keine anderen Trümpfe in der Hand hat, denkt schnell an den Schnitt.


directonslaught

So doof es klingen mag, aber es ist mal wieder an der Zeit, zufriedener mit sich selbst zu werden. Wer ist nochmal sch* Kate Moss?

Links:
Lob der Hässlichkeit (45 Min.), ARTE+7 (noch 7 Tage im Stream zu sehen)
Unansehlich, aber stolz (45 Min.), ARTE+7 (noch 7 Tage im Stream zu sehen)

(Vorschaubild: MaZzuk, Lizenz)

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6 Kommentare »

  • kaeptnkaracho said:

    wie klein die welt doch ist.
    in meiner familie will in kürze jemand eben diesen “schnitt” wagen.

  • Rouven (author) said:

    Ich habe den Eindruck, das immer häufiger zu hören. Erschreckend.

  • ben_ said:

    Klugschiss: Der Goldene Schnitt ist keine Form der Symmetrie sondern eine Proportion. Symmetrie, Proportion und Maß bilden zusammen die Troika der klassischen Ästhetik, sofern sie sichtbare Dinge betrifft.

  • Rouven (author) said:

    @ben_: Sind auch zwei verschiedene Sachen (“ARTE kam ebenfalls auf die Symmetrie zu sprechen, zitierte für Proportionen den „Goldenen Schnitt…“).

  • logbuch:caasn:de » Blog Archiv » John Cleese über die Schönheit menschlicher Gesichter said:

    [...] hat vergangene Woche auf einen ähnlichen Beitrag bei arte [...]

  • logbuch:caasn:de » Blog Archive » john cleese über die schönheit menschlicher gesichter said:

    [...] hat vergangene Woche auf einen ähnlichen Beitrag bei arte hingewiesen. abgelegt unter: betrachtetes  diesen beitrag drucken | kommentar [...]

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