re:publica 09 … War’s das?
Wer lesefaul ist, dem kann ich mein Fazit meiner ersten re:publica – der Version 09 – in einem Wort liefern: Ernüchterung.
Mag jemand mehr lesen, dem sei gesagt: Das ist sowohl von der positiven als auch weniger positiven Seite zu betrachten.
Meine Erwartungen an drei Tage BloggerPublizieren im Internet-Konferenz in Berlin waren: Keine speziellen. Als vor einigen Monaten die Ankündigen für die re:publica in meinem Feedreader landete, waren die Blogboys noch jung und so beschlossen Mischa und ich, dass wir dort, wo die Geschichte und die Geschichten der deutschen Bloggeria erzählt werden sollten, dass wir dort auf jeden Fall hingehören. Der Umstand, dass wir beruflich da auch eventuell einiges würden abholen können, bestärkte uns in dem Entschluss.
Bislang umwehte die re:publica der Wind der Rebellen im publizistischen deutschen Land. Angeführt von alten Hasen wie Johnny Häusler, Sascha Lobo, professionalisiert durch echte Pro-Blogger wie Stefan Niggemeier und Markus Beckedahl. boulevarisierd durch bloggende Nichts-Sager wie Robert Basic oder René „Nerdcore“ Walter. Dementsprechend freute ich mich, einige Tage in diesen illustren Kreis einzutauchen, Teil einer Revolution zu werden, zumindest dabei zuzusehen, wie die Guillotinen über den Häuptern der etablierten Medien hochgezogen würden. Denn, so verriet es das offizielle Motto, es war auch hier scheinbar an der Zeit für Veränderungen: Shift Happens.
Also. Auf in den Zug. Ab nach Berlin.
Die direkte Eröffnungsveranstaltung verpasste ich noch, da ich dank eines freundlichen Berliners in die falsche Bahn stieg und erst in Berlin Buch meinen Fehler bemerkte. So stolperte ich mehr oder weniger unvorbereiten in den imposanten Friedrichstadtpalast und dort in mein erstes Panel: „Blogs in Deutschland. Status Quo und Ausblick”. Auf dem Podium saßen sie dann: Markus Beckedahl, Stefan Niggemeier, Robert Basic und Sascha Pallmeier. AngeführtModeriert von Thomas Knüwer. Es folgten dreißig Minuten illustres Reden, von dem mir in Erinnerung blieb, dass Beckedahl die ganze Zeit grinste, Basic sich arrogant auf dem Sessel fläzte, als hätte er das bloggen erfunden (Hat er nicht!), Niggemeier – neben Beckedahl – als einziger was vernünftiges zu sagen hatte (Sinngemäß: Die meisten Blogger denken zuviel nach. Die sollten mehr machen, als reden.) und Pallmeier jegliches Profil vermissen ließ. Es wurde viel geplaudert, aber wenig gesagt. Wenn, dann war es etwas, das die ganze Zeit über dem Podium schwebte: Der latente Vorwurf und das Beweinen der fehlenden Lobby für die Blogger, gar der Interessenvertretetung (an dieser Stelle sei noch einmal, auch wenn eben erst erwähnt, noch einmal der Einwand von Niggemeier erwähnt: Machen!). Ich hielt dieses Gejammer zehn Minuten aus und schritt ans Mikro: Meine Aussage, es gäbe ja doch eine Interessenvertretung für Blogger, sofern wir dem Mut hätten, uns als Journalisten zu empfinden, nämlich den DJV. Leider sagte ich aber auch, dass man dann ja auch einen Presse-Ausweis bekommen könnte. Danach wurde darüber geredet, ob Blogger wie ich in den DJV wollten, um günstiger ins Kino zu kommen und dass deswegen der DJV unter sich bleiben sollte. Überhaupt. Ich fühlte mich nicht nur missverstanden, sondern ausgeschlossen. Ein prima Start.
Am Ende der Diskussion stellte Knüwer die Frage, wo die deutsche Blog-Szene in einem Jahr stünde. Allgemeines Achselzucken. Denn im Prinzip wusste man ja immer noch nicht, wo sie heute steht. So ging ich aus dem Panel heraus, wie ich gekommen war. Ich ahnte nicht, dass diese 45 Minuten bereits die gesamte re:publica in sich vereinten. Viel Brei für zuviel Köche, oder so.
Denn so zog sich das fast durch die gesamte re:publica. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl irgendetwas Neues übers Bloggen, die Verankerung von Blogs in der Gesellschaft und so weiter gehört zu haben. Keine Impulse, keine Manifeste, kein „Hurra!”. Immernurzu feierte man sich selbst ab, geiferte darüber Lessig zu kennen und den Wikipedia-Gründer gesehen zu haben. Aber an welche Stelle „Shift happen“ sollte, fragte ich mich die ganze Zeit.
(Ich will nicht unerwähnt lassen, dass der wohl größte Faux-pas der re:publica darin bestand, dass niemand in der Lage war ein stabiles WLAN-Netz hinzubekommen. Ich sehe ein, das ist schwierig bei 1000 Besuchern. Aber ich bin sicher: Wir sind auf dem Mond gelandet. Dann kriegen wir sowas auch hin!)
Die meisten der anderen von mir besuchten Vorträge waren ebenfalls unfassbar uninspiriert; so dass ich die ganze Zeit meinen Bruder anrufen wollte und ihn bitten wollte, denen mal zu zeigen wie das geht (der kann das nämlich super!). Sei es der 4Chan-Gründer moot oder Markus Hündgen, der über Video-Journalismus berichten wollte: Da wurden exemplarisch Screenshots und Videos vorgeführt. Mehr nicht. Als ob man uns für blöd verkaufen wollte. Als wären wir Karl Arsch oder Bettina Bumms, die ahnungslos vorm Medion-Rechner hocken, und den Internt-Schalter suchen.
Woher das alles kam, wohin das führen sollte und welche Auswirkungen diese Form des Publizierens auf die Medienlandschaft und die Gesellschaft haben sollte: Darüber kein Wort. Solche Präsentationen wie diese, die hämmert man mal eben am Abend zuvor zusammen. Aber nicht für eine Konferenz mit 1.000 und mehr Besuchern. Ich hoffe, die bekommen da kein Geld für.
Lediglich drei von mir besuchte Panels seien positiv hervorgehoben: Zum einen war da der sehr interessante Beitrag „Social everywhere – wie das Web 2.0 die Unternehmen erobert“ vom IBM’ler Peter Schuett. Der referierte darüber, wie IBM Social Media-Aspekte im Bereich der Mitarbeiter-Kommunikation nutzt. Hier fühlte ich mich als Geschäftsführer von code-x in vielerlei Hinsicht bestätigt. So hatte ich zwar wieder nichts gelernt (eventuell noch, dass etwas, das bei uns „Mitarbeiter-Workshop“ heißt, bei IBM den Titel „Innovation Jam“ trägt), aber wenigstens fühlte mich ein wenig mehr dazugehörig.
Das zweite sehenswerte Panel war „Die sieben Todsünden im Blog-Design“ von Gerrit van Akken. Gerrit machte sich gar nicht die Mühe, in belehrende Design-Diskurse zu verfallen. Vielmehr machte er, am Beispiel der sieben biblischen Todsünden, häufig gemachte Design-Fehler sichtbar. Ohne den Finger zu heben. Das war zwar auch nicht lehhreich, aber unterhaltsam. Das ich wiederum durch ein Fingerheber ein Buch gewann, sei nur am Rande erwähnte.
(Gerrit hat übrigens auch über die re:publica gebloggt und ergänzt ziemlich genau meine Meinung.)
Das letzte auszuzeichnende Panel besuchten wir an Tag 3. Es war auch zugleich das einzig wirklich lehrreiche: „Verhaltensänderung speichern? Wie persuasives Webdesign uns beeinflusst und wie wir es nutzen können” von Sebastian Deterding. Er berichtete darüber, dass wir den Schritt von der Usabiliy hin zum persuasiven Design machen müssen. Also weg davon, die Web-Interfaces so zu gestalten, dass sie leicht zu bedienen sind, sondern dahin, dass die Besucher sie bedienen wollen. Das war schön aufbereitet und inhaltlich interessant. Da hätte ich gerne noch zwei Stunden zugehört. Doch leider war nach 60 Minuten die Zeit abgelaufen. Die kommentierten Slides kann man sich auf slideshare anschauen.
Und die re:publica für mich damit zuende.
„Machen” ist das neue meckern …
Ich ging wie Anfangs erwähnt: Ernüchtert. Darüber, keine wesentlichen Impulse mitgenommen zu haben. Aber auch darüber, eventuell bereits alles richtig zu machen. Denn Niggemeier hat recht: Es geht ums „machen”, nicht ums übers „machen“ reden. Und das war schon immer irgendwie mein Credo.
Ob ich 2010 wieder hinfahre? Ich denke ja. Schon alleine, weil Berlin und ich uns ineinander verliebt haben. Und eines muss man auch zugeben: Bislang war die re:publica das Treffen einer gesellschafttlichen Randgruppe. Die 09er war wohl der erste Versuch, das ganze größer aufzuziehen, professioneller. So war ich vielleicht doch dabei, als Shift happente. Aber mehr im Hinblick auf die re:publica an sich, als denn, worum sie sich drehte. Und eines muss man zugeben: Abgesehen vom fehlenden WLAN kann man niemanden wirklich etwas vorwerfen. Die Organisation lief so reibungslos, dass einem normalen Besucher wie mir, keine Störungen auffielen. Und wer, wie ich, an den Beiträgen rummäkelt, der ist ja dank der offenen Ausrichtung der Szene aufgerufen, es besser zu machen. Ich denke drüber nach. Für 2010.
Und wenn ich letztlich etwas positives mitgenommen habe, dann das gute Gefühl, dass da draußen in der Blogosphäre die Luft auch nicht dünner ist als hier. Soll heißen: Wer sich die Mühe macht, eigenen und relevanten Content für seine Zielgruppe zu liefern, der steht nicht schlechter da, als die selbst ernannten Altvorderen. Also: Macht mal Twitter aus und bloggt mal wieder. Denn das macht immer noch viel mehr Spaß als irgendwas.
(Ach, eins noch: Poken wurden auch verteilt. Das ist mal ein Käse!)
Am Ende der drei Tage genoss ich noch ein wenig Berlin, machte einen zweiten Platz beim Poetry Slam im Rosis und ließ mich von Michael Kessler in seiner Nachttaxe durch Berlin kutschieren. Aber das ist genug Material für einen eigenen Blog-Artikel.
Demnächst hier, ganz unprätentios und selbst gemacht, bei den Blogboys.
Verwandte Beiträge:
- Blogboys auf der re:publica (Tag 0)
- Ein Blogboy und die Berliner Nachttaxe (Update)
- Das Netz nervt. Mich.
- Vor dem Tellerrand ist die Suppe
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Danke.
“machen”, das neue meckern. Das gefällt mir sehr und ist nicht nur was dran im Bezug zur re:publica.
Sehr schöner Bericht, als ob man selbst vor Ort ernüchtert worden wäre. Interessanter Weise hab ich auch schon Sachen wie “das waren total wichtige Impulse” und “ein großartiges innovatives Meeting” und “Zukunft wurde gemacht” gelesen zu diesem Thema. Aber ich glaube lieber den “blogboys – da weiß man was man hat.”
Man sollte fairerweise noch erwähnen, dass sowohl Mischa als auch ich den „socialising“-Aspekt links haben liegen lassen. Ich für meinen Teil war einfach viel zu überarbeitet und war froh, wenn ich auch mal in Ruhe die Oranienburger Straße hochschlawinern konnte oder oben gezeigten Sonnenuntergang genoss. Ab von den Panels wurde vermutlich wirklich einiges beredet. Aber das ginge ja auch ohne die Vorträge.
Im Großen und Ganzen schließe ich mich Markus an. Neben absolut Lohnenswertem war auch eine Menge heiße Luft bei. Dennoch insgesamt und unterm Strich eine gute, sehr profesionelle Veranstaltung – wenn man das fehlende W-Lan abzieht, das war blamabel…
Hier noch ein D-Radio-Bericht zur #rp09 von Dennis Kastrum mit yours truly ganz zum Schluss:
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/04/02/dlf_20090402_1551_9fdacb4a.mp3
Die Slides von Deterding gibt es jetzt bei slideshare: http://www.slideshare.net/dings/verhaltensnderung-speichern-ber-persuasives-webdesign
[...] April 2009 · Keine Kommentare Neben all dem re:publica-Wahnsinn fand ich noch Zeit, begleitet von der Slam-Kollegin Charlotte (der Rest der mich charmant [...]
Nicht übers Machen reden, sondern machen: Sagt mal, habt ihr die ganzen Ultimo-Artikel weggemacht? Ich hatte Mischas Entschuldigungs-Beitrag nur schnell überflogen. Nun wollte ich ausführlich lesen und weg ist er. Und “Der ironische Ultimo-Neger” ebenfalls. Was ist da los?
Wir werden uns zu diesem Themenkomplex hier nicht mehr äußern.
[...] April waren Mischa und ich auf der re:publica in Berlin. Diese recht überflüssige Konferenz war das Tagesprogramm. Das Abendprogramm war da um Längen [...]
[...] Jahr ist das anders, denn sie findet vom 14. bis zum 16. April statt. Darum habe ich mich – entgegen der negativen Berichte vom letzten Jahr – angemeldet und will mir das mit eigenen Augen ansehen. Außerdem soll der Vorverkauf der [...]
[...] Bahntickets auch schon seit einem Monat. Unterkunft ist ebenfalls geklärt. Super. Trotz Mischas und Markus’ letztjährigen, negativen Eindrücken hatte ich beschlossen, mir die re:publica endlich auch einmal mit eigenen Augen anzusehen. Und [...]
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