Das Netz nervt. Mich.
Ist das überhaupt irgendwem außer mir aufgefallen, dass mein letzter Beitrag „The Pac-Man Dossier” fast einen Monat alt ist? So eine Zeitspanne habe ich noch nie zwischen zwei Beiträgen verstreichen lassen. Warum nun?
Ich könnte behaupten, dass mein Real Life-Job mich voll in Beschlag nimmt, ich könnte sagen, ich bin Familienvater, ich könnte sagen, ich arbeite noch immer an meinem nächsten Buch. Das alles stimmt. Aber das alles stimmte auch in den Zeiten, in denen ich bis zu drei Beiträge pro Tag herausgehauen habe. Also kann es das im Prinzip nicht sein. Es ist viel schlimmer.
Das Netz nervt. Mich.
Buchse runter: Ich bin ein Junkie. Ein Informations-Junkie. Egal wo ich gehe und stehe: Ich sauge Informationen auf wie ein Schwamm gutes altes Wasser: Im Netz, unterwegs mit dem iPhone, morgens die NW. Es vergeht kein Einkauf ohne mindestens ein Magazin zu kaufen. Vom Spiegel bis zur GEE. Die Bandbreit ist vielfältig. So bin ich aufgewachsen. Das habe ich mir angeeignet. Ich liebe Informationen. Ja. Ich möchte sagen: Ich bin ein Informations-Liebhaber.
So war die Geburt des Web 2.0 für mich eine Offenbarung: Der Welt, jedem einzelnen Hans Dampf in allen Gassen, standen auf einmal Methoden zur Verfügung, Informationen die er hat zu publizieren. Endlich würde das nicht mehr einer Publizisten-Elite überlassen. Die Revolution war da.
Der Fisch stinkt vom Kopf her.
Die Revolution ist gescheitert. (Dazu auch sehr lesenswert ein Artikel bei den Information Architects „Data Gourmet“.) Einmal mehr an den Revoluzzern, den Bloggern. Vor der Demokratisierung der Information war es so, dass derjenige das Feld anführte, der eine Information als erstes publizierte. Also schickten sich die Redaktionen an, ihre besten Leute loszuschicken. Investigativ zu recherchieren. Zu bohren und zu stochern. Solange, bis sie eine Information ausgruben, die niemand anders haben würde. Um sie dann zu publizieren. In einem Magazin, einer Zeitung.
Magazine und Zeitungen brachten den Umstand mit sich, dass sie in einem fest gelegten Abstand von Zeit erschienen. Mindestens innerhalb von 24 Stunden. Das ließ Zeit: Ergab sich eine Story, hatte ein Redakteuer im Idealfall 24 Stunden Zeit zu recherchieren, wenn es mal flott gehen musste wenigstens einige Stunden. In dieser Zeit konnte er an Informationen kommen, die niemand anders würde haben können. Er wäre am nächsten Morgen der King. Er wäre es, der dafür sorgen würde, dass seine Zeitung sich am Kiosk verkaufen würde, während die anderen wie Eisenplatten in den Ablagen würden liegen bleiben.
An diesem Differenzierungs-Merkmal hat sich wenig geändert. Noch immer gilt es: Wer als erster ein Information heraushaut ist vorneweg. Wird zuerst gelesen. Wird im Feed-Reader aufgenommen. Bekommt Impressions. Holt sich eine goldene Nase via AdSense. Oder das Elixier eines jeden Bloggers: Die meisten Kommentare. Er wird gebacktracked als gäbe es kein Morgen und verlinkt, als wäre sein Blog das Zentrum aller Virtualität. Alles, was er dafür tun muss ist: Schnell sein. Schneller als die anderen.
Nun bringt es die Web-Technologie mit sich, dass eine Information nicht erst gesetzt, gedruckt und ausgeliefert werden muss. Was geschrieben ist, ist innerhalb von Augenblicken verfügbar. Es gilt also keine Zeit zu verlieren. Wenn eine Info aufschlägt, muss sie publiziert werden. Sofort! Vor allen anderen. Eine Recherche findet also selten statt. Und wenn dann meist sehr oberflächlich. Google. Wikipedia. Das muss genügen. Es ist keine Zeit.
Schlimmer noch: Es fehlt sogar die Zeit zur Reflektion. Zur Meinungsbildung.
Denn ein wesentlicher Aspekt des Bloggens ist nicht nur das Verbreiten von Informationen sondern auch deren subjektive Auslegung. Wenn eine Information da ist, muss sie schnell ins Netz. Aber vorher muss sie noch eben schnell mit einer Meinung hinterlegt werden. Nehmen wir ein einfaches Beispiel einer Meldung, auf die ich via den Fünf Filmfreunden gestoßen bin:
Das Buch „Es“ von Stephen King wird neu verfilmt.
(Hurra! Eins meiner Lieblingsbücher bekommt eine zweite Chance!)
Das, was uns i09 da liefert, ist prinzipiell erst einmal eine einfache Information, die für jeden Film-Interessierten von Belang sein kann. Nun wird diese Information vom Blog io9 gepostet. Leider ist es aber so, dass diese Information so gerade den Sprung über die Gerüchte-Mauer schafft und somit nur wenige Details vorliegen. Es ist gerade einmal bekannt, wer das Ding produziert. Mehr nicht. Was also tun? io9 tut das, was so viele so häufig tun: Sie nehmen das wenige was sie haben und bilden sich eine totale überflüssige Meinung, die keine ist. Sie strapazieren den Freund des Unwissenden. Sie flirten mit der Geliebten der BILD-Zeitung. Der Hure des Trash-Journalismus: Dem Konjunktiv.
„This movie could fall flat on its face if this role is miscast. I’m not sure who could fill Curry’s clown shoes, but if done correctly there should be a mass switchover from showers to baths and I may never sleep again.“ io9, IT Gets Remade, Causing Millions To Go Without Showering
Diese Meinug ist so überflüssig wie ein vorzeitiger Samenerguss. Aber sie ist eben notwendig in einer Welt, in der nur der schnellste überlebt. io9 hat gar nicht die Chance, zu warten bis weitere Details über das Projekt vorliegen, die dazu dienen könnten eine konkrete Meinung zu haben. Vielleicht ist Heath Ledger ja gar nicht tot und spielt nach dem Joker nun eben noch Pennywise. Vielleicht aber macht auch Ben Stiller den Luftballon-Freak. Wer weiß? Keiner. Aber jeder hat eine Meinung zu diesem Unwissen.
Mit genausoviel Feuer werden Trailer von Filmen auseinandergenommen, die nur wenige Szenen zeigen („Das kann ja nichts werden.”), werden Bücher verrissen, von denen nur der Autor bekannt ist, wird Software bewertet, die man nur von Screenshots kennt. Alles, was bewertbar ist, wird bewertet. Zu jeder Zeit. Von jedem. Ganz gleich, wie wenig Wissen vorliegt. Es zählt nur die Meinung. Nur das Posten. Es wird nicht gefragt „Warum” sondern „Ob“ und die Antwort ist: „Flott!“.
Nico Brünjes karikiert dies Phänomen wunderbar in seinem Artikel „Mal ein Twitterartikel”: Ein Artikel, der nur ein Artikel sein will, weil ja auch Nico was zu Twitter sagen muss.
Und wer sogar dazu zu faul ist, sich eine Meinung zu bilden, der macht nichts anderes, als die Artikel von anderen zu verlinken. So zu tun, als wäre er Publizist in dem er einzelne Passagen quoted. Wer so etwas tut, der ist noch nicht einmal ein schlechter Publizist, der ist sogar nur Kopist. Und so gibt es mittlerweile dutzende von Blogs in Deutschland, die nichts anderes machen als sich gegenseitig zu referenzieren und damit in der Wechselwirkung obsolet zu machen. Prominenteste Beispiele sind Nerdcore und I am Jeriko. Hier geht es definitiv nur noch um die Masse an Informationen. Eine wirkliche Reflektion findet nicht statt. Sie wird auch in keinen neuen Kontext gestellt, wie wir es beispielsweise mit „Die besten Songs aller Zeit” probieren. Sie wird stumpf kopiert und oberflächlich kommentiert. Mehr geht nicht. Wie auch, wenn man gefühlte zehn Artikel am Tag posted? Diese Blogs zu konsumieren ist für einen Informations-Junkie wie die gemütliche Zigarette des Rauchers draußen vor der Kneipe im strömenden Regen: Sie liefert die Befriedigung eines Bedürfnis, die genauso schnell verflogen ist, wie man durch die Tür wieder in den Laden gehen kann.
Was bleibt von der Revolution? Ein riesiger Sumpf an Nicht-Informationen von einem Haufen Info-Narzissten. Und uns Informations-Junkies bleibt nichts anderes, als durchzuwaten, auf der Suche nach unseren Oasen des gekonnten Journalismus mit durchdachten Artikeln, eigenem Content und konkreten Meinungen wie das agenturblog, Parka Blogs, 43 Folders oder A List Apart tun. Die bloggen nur alle paar Tage, manchmal sogar Wochen. Dann aber richtig. Diesem Anspruch möchte ich mich nun anschließen. Also: Erwartet gerne weiterhin meine Postings hier. Jedoch in deutlich größeren Abständen als in der Vergangenheit.
Denn das Netz ist nur ein Medium und kein Zweck. Aber solange es das bleibt, nervt es weiter.
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Ich bin beruhigt…. wenn ihr den Rouven nicht hättet! BlogBoys weiter im Plural.
Da hast du aber auch sehr schön ein allgegenwärtiges Problem angesprochen, lieber Markus. Ich würde aber sagen, dass es nicht allein darum geht “Ich will als erster die Information raus hauen”, sondern das es da auch noch den Aspekt gibt (oder gab) der so daher kommt: “Also ich stell das jetzt erstmal online. Ich kann ja später noch nen Artikel schreiben der näher drauf eingeht und das dann verlinken, aber ich find das gerade so interessant, ich will das erstmal raus hauen.” Verlockend ist ja auch, dass man später immer noch was ändern kann oder einen aufbauenden Artikel genau so schnell online hat. Nur leider… wenn es keinen Sachzwang in dieser Richtung gibt… wird der Mensch faul. Das spielt auch eine Rolle würde ich sagen, das soll allerdings nicht die Richtigkeit deiner Aussagen in Zweifel ziehen.
Kramba, Karacho, schwere Kost am Samstag morgen. In weiten Teilen muss ich Dir in der Analyse zustimmen. Rivva – einst ein Hort der Inspiration für mich – spült jetzt nur noch Dreck hoch. Nach den meisten meiner Streifzüge durch den Online-Journalismus und jenen Teil der Blogsphäre, der außerhalb meiner direkten Nachbarschaft liegt fühle ich mich zumeist schmutzig und angewidert. Irgendwas läuft da gerade schief. Das sehe ich auch so.
Aber – und hier kommt das ist ein großes Aber – wir haben alle Werkzeuge um das in den Grif zu bekommen. Ich werde Rivva einfach nicht mehr besuchen. Fertig. Ich werde einfach eine regide Selektion in meinem Feedreader vornehmen. Fertig. Ich werde einfach all die anderen obskuren Journalismusprodukte meiden. Fertig. So einfach ist das.
Da habe ich gar nicht mitbekommen, dass da jemand eine Revolution gestartet hat und dann soll ich als Blogger sie auch noch gleichzeitig verbockt haben? Ich wusste auch noch gar nicht, dass ich als Weblogger Journalist sein muss – den Anspruch habe ich mir gar nicht gestellt.
Ich habe so das Gefühl, dass sich dieselben Leute (und ich meine damit nicht Markus, sondern die von ihm erwähnten Personen) jetzt über das Scheitern des Web 2.0 echauffieren, die den Begriff überhaupt erst ins Spiel gebracht haben. Ich weiss bis heute nicht, was das eigentlich sein sollte – das WWW hat für mich im Kern nicht mehr Funktionalität als Usenet und Co.
Das “Problem” – sollte es denn bestehen und wir haben nicht, wie ich vermute, es mit einem kollektiven Burn-Out der Alt-Blogger zu tun – sähe ich eher in der Medienrezeption.
Wer natürlich sein Suchraster immer nur über die gleichen Verdächtigen legt, wird mit dem oben Gesagten konform gehen. Wer jedoch das tut, was hier verlangt wird, nämlich Recherche in dem Sinne betreiben, daß man das Netz weitmaschig nach Interessantem durchsucht, wird nach wie vor fündig. Dazu sollte man sich eben nicht auf Feedreader& Co verlassen, sondern die Mühe des Surfens auf sich nehmen – und auch, wenn man ein oder zwei Tage später seine Meinung zu einem Vorgang veröffentlicht, wird man gelesen.
Ein Blogger, der versucht, mit Nachrichtenkolportage schneller zu sein, als professionelle Journalisten, hat schon verloren (den außerordentlichen Glücksfall, daß die Nachricht in seinem Umfeld entsteht, mal außen vor gelassen), sie haben mehr Möglichkeiten und mehr Technik zur Verfügung. Aber welcher Blogger will denn Journalist sein, das sind sicher nur wenige – obwohl viele Blogger Journalist sind.
Der Vorteil des Bloggens liegt eben im Hintergrund, in der Meinung. Dabei kommt es garnicht so sehr auf Schnelligkeit, sondern auf Gründlichkeit und fundierte Meinungsbildung an. Wer solcherart Qualitätsblogging betreibt, wird auch gelesen. So verstandenenes Bloggen scheitert auch nicht am täglichen Artikel, sondern an der eigenen Kurzatmigkeit. Selbstverständlich kann man mehrere Projekte nebeneinander bearbeiten (um dann täglich etwas zu bloggen), wenn man möchte. Es ist doch einfach nur die Frage, ob ich gerne blogge, oder ob ich meine Prioritäten anderswo sehe.
Ich selbst finde es zum Beispiel witzig, daß dieses Thema im Laufe meiner Bloggerkarriere immer wieder aufgetaucht ist – und interessanterweise meist innerhalb eines gewissen Kreises, der sich A- Blogger nennt. Da wird alle paar Monate der Tod des Bloggens ausgerufen, doch:
Totgesagte leben länger.
“mit einem kollektiven Burn-Out der Alt-Blogger” ist der derzeitige Trend des Abflauens m. E. am ehesten zu erklären … wenn der Spass an der Sache nachlässt und die Konsequenz nicht gezogen wird (aus Eitelkeit?), wird Halbwert-Content um des Contents willen produziert.
Die dritte Welle ebbt ab:
Erst bauten sich alle ihre Homepages, danach boomten die Foren und dämmerten wieder weg, jetzt sind die Blogs über ihren Höhepunkt hinaus.
Kurz flackert noch das Twittern auf.
Was kommt als Nächstes?
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Musik
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