Beleidigt vom Nobelpreisträger

Inzwischen habe ich bereits in so einigen Wohngemeinschaften gelebt und darunter war auch manche spannende Konstellation von Bewohnern zu verbuchen, mit reichlich skurrilen Situationen und Erzählstoff für Äonen. Aber einmal abgesehen vom Leben miteinander werden Leute in der Regel auch von anderen Menschen besucht, die wiederum ebenfalls viele Geschichten im Repertoire besitzen.
So bekam zum Beispiel mein früherer Mitbewohner Mark in einer meiner WGs in meiner regionalen Zwischenstation Minden eines Tages Aufwartung von seinen Eltern. Inzwischen wesentlich reicher an Lebenserfahrung als wir, glänzten die Augen seiner Mutter, als sie von ihrer Zeit als Lektorin bei einem Verlag erzählte. Sie betreute offenbar Schriftsteller auf ihren Lesereisen, sorgte für deren Hotelunterkunft, das Essen und alles Weitere. Einst musste sie Günter Grass wegen einer Kleinigkeit erzürnt haben. Was der Grund für seine Zerknirschung war, verriet sie nicht, aber sie freute sich diebisch, als sie erzählte, wie er sie am Telefon deshalb beleidigte, dabei die Worte „Sie eingebildete Verlagsfotze“ verwendete und daraufhin den Hörer auf die Gabel warf.
Einen Literaturnobelpreisträger nicht nur auf sich aufmerksam zu machen, sondern ihn darüber hinaus derart emotional aufzubringen, dass er solche drastischen Begriffe in den Mund nimmt, das muss man erst einmal leisten. Auch mein Oberkörper würde sich wie derjenige von Marks Mutter vor Stolz im Sofa aufrichten, wenn ich derlei erzählen könnte.
Diese Anekdote hat meine Lesart von Grass aber keinster Weise verändert. Die paar (frühen) Romane von ihm, die ich kenne, habe ich noch immer als gut und angenehm in Erinnerung. Selbst wenn er ein aufbrausender Charakter sein sollte: Na und? In jedem ersten Germanistiksemester lernen die Studenten, dass die Person des Autors für das Werk nicht relevant zu sein hat. Und einmal davon abgesehen war die Geschichte der Frau Verlagsmama schließlich auch nur literarischer Gossip.
Es ist also nicht unbedingt statthaft, den Lifestyle des Schreibers bei der Bewertung von dessen Werk hinzuzuziehen. Aber mal zugegeben, es hat schon etwas boulevardesk-interessantes.
Anlässlich der Leipziger Buchmesse hatte sich die Feuilletonredaktion der F.A.S. für das Experiment entschieden, einmal einige „Verrisse“ über Bestseller zu schreiben, wohl wissend, dem „Verriss haftet immer etwas Peinliches an“. Diese Vorgabe muss ein wahres Fest für die Redakteure gewesen sein, denn die Artikel lesen sich allesamt unterhaltsam bissig-ironisch.
Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ bekommt sein Fett weg („Ein Buch wie eine Kotztüte. Man weiß, was kommt.“), Gabriel García Márquez „Hundert Jahre Einsamkeit“ wird zu Recht (!) zerpflückt. „Nathan der Weise“, „Der Steppenwolf“, „Die Vermessung der Welt“: Vor nichts wird Halt gemacht. Bei Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ wird der Autor des Artikels dann gar persönlich.
In Huxleys Albtraum gehen alle mit allen ins Bett und betäuben sich mit Rauschgift. Er selber aber hat, das ist das Lustigste, durchaus mit anderen Gelangweilten rumgemacht, wo er konnte, und fraß alle Drogen, die er kennenlernen durfte.
Alle diese böswilligen Kritiken machen Spaß, sie zu lesen, man merkt, wie sich dort eine Redaktion an Büchern austobt, die sie seit jeher genervt haben. Das ist unterhaltsam und man weiß: Ist ja eh nicht so gemeint. In diesem Kontext darf auch einmal der Schriftsteller selbst dran glauben. „Schöne neue Welt“ habe ich als gruselige Dystopie gelesen und währenddessen nichts von Huxleys Drogenkonsum gemerkt.
Die Bücher dieses speziellen Literaturteils haben es auch nicht länger nötig, kritisiert zu werden. So oder so sind sie bereits Verkaufsschlager und teilweise sogar Klassiker. Für diejenigen, die noch bekannt werden müssen, sind die Verlage dankbar um jede erhitzte Debatte, allein, um im Gerede zu sein.
Wenn es den Verkaufszahlen förderlich ist, dann kann es dem Vertrieb eines Buchs nur recht sein, die besonders schillernde Figur des Autors zu lancieren. Mensch, was der Typ wohl so schreibt? Muss ich kaufen!
Und mir fällt soeben auf, dass ich nicht mehr weiß, worauf ich hinaus wollte. Ich habe den roten Faden verloren und habe nach diesem Exkurs den Eindruck, mir würde sowieso niemand mehr glauben, dass sich gut zwischen Werk und Leben trennen ließe.
Aber wenn Ihr mir das nicht mehr abkauft, dann könnte ich auch ein bisschen aus dem Bielefelder Literaturuntergrunds-Nähkästchen plaudern. Vorausgesetzt natürlich, Ihr lest und kauft danach mehr von uns. Will jemand wissen, was Mischa seinen Verlagsbetreuern telefonisch an den Kopf wirft? Oder wie viel Zitronenlimonade wir konsumieren?
(Foto: andronicusmax, Lizenz)


















‘Austoben’ ist eine nette Beschreibung. Mir kommt dieses stüperhafte, oberflächliche, indifferentierte Auslassen wie ein Ausverkauf der verbliebenen Literaturkompetenz der FAZ vor. Ich neige niveamäßig immer mehr zur Süddeutschen. Dort wird wenigstens nicht so ein Method-acting-Schreiben unterstützt.
Das ist mir neu, dass man auch in Method-acting-Manier schreiben kann. Was oder wen meinst Du denn bitteschön damit?
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