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Mo, 09.03.2009 | Rouven Ridder3 Kommentare

Svetlana konnte nicht gut Deutsch

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Meine Mitbewohnerin Simone hatte am Ende doch Recht behalten: Meine Verliebtheit war ein mir selbst zurechtgesponnenes Märchen gewesen, eine Übertünchung der eigens empfundenen Einsamkeit mit Briefen. Ich wartete beinahe täglich hinter der Fensterscheibe, nervös wie ein Kind vor Heilig Abend, auf den Postboten, in der Hoffnung auf Neuigkeiten von Sveta.

Seit Svetlana vor vier Monaten wieder zurück nach St. Petersburg gefahren war, sendeten wir uns zu Beginn sporadisch E-Mails. Eines Tages kippte unsere an der Oberfläche gehaltene, schriftliche Unterhaltung über unseren Alltag um ins Emotionale. Plötzlich berichtete Sveta auch von ihrem Freund, dass es mit ihm nicht gut lief. Bis dann plötzlich zwischen den beiden Schluss war und sie auf dem brieflichen Weg Trost suchte. Was sollte ich tun? Ich schickte ihr Haribo-Gummibärchen, da ich noch aus ihrer Zeit der Zwischenmiete bei uns wusste, dass sie die mochte und dort nicht bekam.

Später las ich von ihr den Satz: „Es tut so gut, dir das zu erzählen. Willst du mein Freund sein?“ und ich war perplex, von Sinnen. Doch die Worte wurden noch süßer, sie schrieb mir die berühmten drei, die am Ende jeder Filmschnulze fallen und nach denen es den Einsamen so sehr dürstet. Wahrscheinlich fiel es ihr leichter, sie zu schreiben, da sie als Fremdsprachlerin nicht wusste, wie schwer sich ein deutscher Muttersprachler mit diesen Worten tut. Ich ließ mich darauf ein, kam mir vor wie einstmals Boris Pasternak sich gefühlt haben musste, als er Liebesbekundungen von Marina Zwetajewa per Brief erhielt, und sich daraufhin in sie verschoss (ganz verdrängend, dass sie sich später – ebenfalls per Post – lieber Rilke zugewendet hatte, nachzulesen hier). Mit jemandem zusammen sein, so nah, und doch so fern.

Bald ging ich jedes Mal zur gleichen Bedienung in der Postfiliale, da diese sich darüber freute, dass ich selbst die offenbar weit fliegenden Umschläge mit Herzchen verzierte. Und ich begann, sensibel für russische Literatur zu werden, insbesondere dann, wenn sie in St. Petersburg eine Szenerie fand wie zum Beispiel Dostojewskis „Arme Leute“: Ich stellte mir dann vor, wie ich als Dewuschkin mir mit Sveta als Warwara Briefe schrieb (und dabei vergaß, dass Warwara im Buch später einen anderen, reichen Kaufmann heiratete).

Simone hatte hingegen zuhause bald die Schnauze voll mit der Entgegennahme der Päckchen und Pakete aus Russland. Meist befand sich darin gar scheußliche Schokolade. „Guck mal, wie süß…,“ sprach sie mit herabgezogenen Mundwinkeln und wies auf die Briefmarke, auf der eigenartigerweise ein bestimmt nicht in Westrussland beheimateter Koalabär zu sehen war, der einen kleineren Artgenossen auf dem Rücken trug. Simone ging wieder zum Telefon, um mit ihrem Freund zu sprechen, der zur Zeit in Mexiko sein Auslandssemester verbrachte. Ich wiederum dachte mir eine Geschichte in mehreren Teilen aus. Sie handelte von einem großen Koala, der eine Reise zu seinem kleinen Koala antritt. Koalabären, die sich treffen wollen! Ich muss völlig verrückt oder verliebt oder beides gewesen sein. Aufgrund von verschriftlichten Äußerungen! Sveta sollte sie in mehreren Briefen erhalten, so lange, bis mein Flug zu ihr ging, den ich gleichzeitig buchte.

Die Kopien der Tickets hatte ich ihr sicherheitshalber zugesandt, damit sie wusste, dass es mir ernst war. Ich wollte wissen, ob es sich hierbei um eine ernste Sache oder doch nur um ein Spiel handelte. Für möglich gehalten hätte ich es davor niemals, doch ich hatte mich in eine Person verliebt, nur wegen der Worte, die sie mir schrieb. Sie war mir nicht unbekannt, ich kannte sie bereits vorab. Bloß das Medium hatte alles verändert, intensiviert, verbessert.

Zwei Wochen vor meinem Abflug nach St. Petersburg erhielt ich einen Anruf von ihr. Ich hörte wieder das gebrochene Deutsch, dass ich von ihr seit der Zeit kannte, zu der wir hier abends gemeinsam versucht hatten, das Spiel mit den Berühmten-Personen-Erraten durchzuführen (was kläglich gescheitert war): „Ich kann dich hier nicht aufnehmen,“ sprach sie mit eigenartig langgezogenen Vokalen. „Meine Eltern würden das nicht zulassen.“

Und dann sagte sie, dass sie die Briefliebe sowieso die ganze Zeit über für einen Traum gehalten habe. Ich war zu traurig, um in dem Moment beleidigt sein zu können. Einige Tage später bekam ich von ihr die Stornokosten für den Flug erstattet.

Das letzte, was ich von Sveta gehört habe, war, dass sie mit einem Kaufmann zusammen war. Sie kaufen und verkaufen gemeinsam irgendetwas und pendeln dafür zwischen Riga und Moskau.

Ich habe mittlerweile neue Leidenschaften gefunden, mich mit Leuten auszutauschen. Sie nennen sich Facebook, StudiVZ usw. usf. Prima daran ist, dass man dabei gar nicht so persönlich werden muss. Und die Sache mit den Koalareisen, die lasse ich in Zukunft mal schön bleiben…

(Foto: Rebecca Miller)

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3 Kommentare »

  • kaeptNKaracho said:

    traurig.
    -Aber schön.

  • Rouven (author) said:

    Danke.

    Ich hatte schon wieder die Befürchtung, es wäre zu lang dafür, dass es sich jemand durchliest.

  • Onkel Otto said:

    Ich habs nicht durchgelesen – es war zu lang (und unser Leben ist so kurz).

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