Ein schlimmer Job
Letzte Woche lag bei uns die örtliche Zeitung an zwei folgenden Werktagen nicht im Briefkasten. Der Zusteller wird womöglich nicht gewusst haben, dass es sich um ein Mitarbeiter-Abo handelt und deshalb Priorität genießt. Deswegen würde ich mich aber niemals aufregen oder Beschwerde einreichen. Ich mag mir nämlich kaum ausmalen, was für logistische Wunder zwischen dem Redaktionsschluss und der Auslieferung geschehen müssen, um den Erhalt der Zeitung zu garantieren.

Erstaunt bin ich aber darüber, dass ich heute Nacht nach dem Partybesuch um 3 Uhr zuhause angelangt kam und die F.A.S. im Briefkasten entdeckte. Ein paar ganz arme Säue müssen also zu dieser späten Uhrzeit ihr Werk verrichtet haben. Sonntags!
Johnny Häusler sprach jüngst von der schlimmsten Arbeit, die er jemals wahrgenommen hatte. Auch ich habe schlimme Arbeiten verrichtet oder mich für Tätigkeiten der schlimmsten Sorte beworben. Eine davon betraf eben den logistischen Betrieb der grün gestrichenen Ortszeitung (tja, da staunt ihr, was?). Ich beschreibe das einmal am besten wie folgt:
Vor Jahren habe ich mich auf eine Zeitungsanzeige gemeldet. Ich hatte kein Geld, das BaföG war alle und musste meinen schlanken Balg ernähren. Die Anzeige sah danach aus, als wenn ich, mit einem einfachen Führerschein bewappnet, lediglich irgendwelche Dinge ausliefern musste. „Fahrer gesucht“ lässt auf derlei Anforderungen schließen.
Ich rief also seinerzeit unter der angegebenen Nummer an, es meldete sich eine tief, männliche Stimme, die anscheinend sehr überrascht über mein Interesse war. „Ja, prima,“ wurde mir bedeutet. „Komm doch am Donnerstagnachmittag vorbei, dann reden wir drüber.“
Am Telefon hieß es überdies, dass man als Student ganz prima eingesetzt werden könne, ginge es doch um „Überhangs“-Auslieferungen am Vormittag. Gelegentlich könnte auch ein Abend dazu kommen, da man mit einer örtlichen Zeitung zusammenarbeite.
Nun gut, das klang ja eigentlich ganz nett und so erklärte man sich bereit, mal beim Inserenten (in einem Vorort von Gütersloh!) vorstellig zu werden.
Ich geriet kurz vor der Vorstellung in ein Reihenhausgebiet, fand das Haus, dann die Klingel nicht, da, wie sich herausstellte, der Chef bei seiner Freundin wohnte. Nach meinem nachmittäglichen Herumstreunen um das Haus hatte er dann irgendwann einmal die Türe geöffnet und der mittedreißiger Schnurrbartträger hustete mir, er sei gerade eben erst aufgestanden. „Die Nachtarbeit.“ Ich verstand natürlich.
Dort hieß es dann, es seien eigentlich ausschließlich die Fahrten am Abend, für die Personal benötigt werde und ich könne es mir ja einmal ansehen, mit den Leuten dort mitgehen. Der Chef (also er selbst) sei dann auch zugegen. Man bräuchte nur nach ihm zu rufen bei eventuellen Unsicherheiten.
Auf meine Nachfrage, wie lange er denn bereits diese Geschäft betreibe, erwiderte er: „Mittlerweile seit drei Jahren.“ Er sei selbst einmal angestellt gewesen, aber als die Firma bankrott ging, wurde er vor die Wahl gestellt: Entweder er übernähme sie oder würde arbeitslos. Damals hatte er sich für erstere Variante entschieden, und nachdem er nach dreißig Anfragen endlich eine Bank erwischt hatte, die ihm einen Kredit über 4.000,– Euro gewährt hatte („Beim Speditionsgeschäft wiegeln die Banken sofort alle ab.“), wäre es auf Biegen und Brechen langsam voran gegangen.
Der Job, wegen dem ich mich bemühte, könne allerdings nur auf 400,– Euro-Basis erfolgen, und wenn man mal mehr gearbeitet habe, dann könne man im Folgemonat „vielleicht mit Arbeit sparen“.
Mit flauem Gefühl im Bauch erklärte ich mich dann dennoch bereit, mir vor Ort die Dinge tatsächlich einmal anzusehen, schließlich will man nicht arbeitsscheu oder als Drückeberger erscheinen. Interessiert war ich ja schon ein wenig, obwohl ich die nächste Frechheit wieder riechen konnte und manchmal können derlei Abgründe eine Anziehungskraft ausüben, die sonst nur schwarzen Löchern vorbehalten bleibt.
Vor Ort des Zeitungsverlags um 22 Uhr angekommen, standen bereits einige der Fahrer dort, der Chef war nicht in Sicht und Rufweite. Es wurde noch kein Papier in die Wagen eingeladen und der Vorgang konnte nach Auskunft auch noch eine Weile dauern. Sämtliche Wartezeiten zählten wohlgemerkt noch nicht als Arbeitszeit.
Beim Beladen der unterschiedlichen Fahrzeuge musste akribisch genau auf die jeweilige Stückzahl der Pakete geachtet werden, zumal Prospekte und anderes extra verpackt waren: Man wollte ja nicht zuviel vor den jeweiligen Haltepunkten abliefern.
Wie sich herausstellte, sollten die Bediensteten besagter Firma allesamt in Gegenden einer Gemeinde im Kreis Paderborn eingesetzt werden und entlang einer Route Adressen beliefern, die ihnen wahrscheinlich schon in Fleisch und Blut übergegangen waren.
Einer von ihnen zeigte mir die Örtlichkeiten und Regeln, nach denen der Betrieb funktionierte, denn: Der Chef ließ sich nicht blicken.
Ich: “Und wie lange bist Du für so eine Tour unterwegs?“
Er: „Also, ich hab’ von uns hier die kürzeste erwischt. So um 1 Uhr bin ich wieder in Bielefeld. Aber heute geht das auch mit dem Beladen recht schnell…“
Ich: „Und die anderen sind noch länger unterwegs?“
Er: „Ja, manche schon. Er hier [lächelt und weist auf seinen Kollegen] kommt heute bestimmt auch nicht wieder vor drei nachhause.“
[Pause]
Er: „Also, ich find’, es ist ein echt easy Job.“
Ich: „Aber ihr macht das von Montags bis Freitags, hab’ ich das richtig verstanden?“
Er: „Nee, Sonntags auch. Du kriegst doch auch Montagmorgens ne Zeitung, ne?“
Sechs Tage in der Woche, Herrschaften! Nächte!
Für pauschal 400 Euro im Monat!
Die F.A.S.-Titelblatt ist mir soeben beim Herausrupfen aus dem Briefkastenschlitz zerrissen. Das war mir aber voll wurst. Ein großes Dankeschön gebürt dem Zusteller. Er wird in dieser Stadt für diese Zeitung weitere Strecken zurückgelegt haben müssen.
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Recht so! Das sind ganz arme schweine. Hab mit 12 oder 13 auch einen Sommer lang ein Sonntagsanzeigenblättchen ausgetragen und empfand den Lohn angesichts des Erlebten allenfalls als Schmerzensgeld. Aber: eine erfahrung die ich nicht missen mag und die einen im Leben definitiv weiterbringt.
“(tja, da staunt ihr, was?).” Ja, das tue ich
@bateman: Ich war noch nicht so lange in der Stadt
ich habe mal die “rote” zeitung (kam immer mittwochs). Gebiet waddenhausen lage. irgendwann hatte ich keine lust mehr und das geld weiter kassiert, aber nicht mehr ausgetragen und die ganzen pakete in den leeren swimming pool (mit holz abgedeckt) geworfen.
fiel nie auf. ich sollte mal den käufer des hauses anrufen und ihn informieren. vielleicht kann er bei dem einen oder anderen angebot als beileger noch mit seinen DM bezahlen.
War ungerecht, aber was willste machen? Skateoard fahren am Mittwoch oder nach draussen mit dem dreck?
ist eben lage sowas!
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