Die Boys

Zwischen Tweets und Slams finden wir die Geschichten, in denen wir Held sein dürfen. Oder auch nicht. Kommt auf den Tag an.

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Di, 20.01.2009 | Markus Freise24 Kommentare

Der Tag, an dem Geschichten geschrieben wurden.

Nun ist es also vollbracht und der Mann ist also Präsident. Das mag nicht für jeden wichtig sein und so mancher mag dem Hype sogar auf unterstem Niveau widerstehen – nur ein Nadelstich, lieber Sven ;-) – aber ignorieren kann das keiner. Zumal wir uns sicher sein können, dass sich mehr ändern wird als nur die – nun wirklich sehr gelungene – Website des „Weißen Haus“.

Nun waren wir also einmal mehr dabei, wenn Geschichte geschrieben wurde, wir NEON-Generation, die in sich vereint, was vom „Kalten Krieg“ übrig und von Glasnost geprägt und von 9/11 zerschlagen wurde.

Nun lasst uns unsere Geschichten erzählen, wo wir waren und wie wir das am heutigen Tag erlebt haben: Ich fange einfach mal an …

Ich hätte das alles um ein Haar verpasst.

Ein akuter, noch weniger zu ignorierender Grippe-Infekt, hatte meine Liebste außer Gefecht gesetzt. So war es nicht nur an mir, zu spätem Nachmittag Medikamente zu besorgen, sondern auch ansonsten allerlei Zeug, dass eine Familie so braucht. Also habe ich mir die beiden Mädchen gepackt und bin in die Stadt geeilt. In der Hoffnung, bis um 17 Uhr 56, der avisierten Zeit des „Oath of Office“ wieder zu Hause vor CNN zu sitzen. Leider stand ich aber um 17 Uhr 45 mitten in der Fußgängerzone, zwischen Marktpassage und City-Passage. Unsere Große bettelte bereits seit geraumer Zeit um Pizza, weil sie Hunger hatte. Und so war mein Flehen, ob wir doch nicht mal eben nach unten zu SATURN gehen könnten, zu den Fernsehern, machtlos gegen ihr herzzereissendes, hungerndes Weinen. Also gingen wir zu der kleinen Pizzeria in der Marktpassage und ich erging mich in meinem Schicksal, diesen historischen Moment später nur aus der Konserve genießen zu können. Doch kurz bevor es zu spät war, kam mir die Rettung in den Sinn. Sie hieß iPhone, viel mehr die Applikation „allRadio“ darauf, die es mir erlaubt von egal wo hunderte von Streams von Radio Stationen aus der ganzen Welt zu hören. Dank Flatrate und EDGE sowohl sorgen- als auch rauschfrei. Also machte ich mich auf die Suche nach einem passenden News-Kanal. „Deutschlandfunk“ stellte ich schnell wieder ab. Da wurde bemüht sachlich und deutsch darüber diskutiert, wie nah diese Inauguration an den Krönungszeremonien despotischer Herrscher war. Keine Live-Töne. Kein Pathos. Ich wollte Nervenkitzel. Den würde ich wohl am ehesten bei einem amerikanischen Sender finden. So könnte ich auch direkt die Gefahr umgehen, den Original-Ton von irgendeinem Simultan-Dolmetscher kaputtgestottert zu bekommen. Nach einigem Suchen wählte ich dann einfach mal KPUB Arizona aus der Liste.

iphoneobama

Und das war eine gute Wahl.

Pünktlich zum Eid von Biden saß ich also in der Pizzeria, mein Handy am Ohr und mein Herz an der Weltgeschichte. Dann Musik – dazu später mehr – und wir drei zogen weiter. Die Vereidigung von Obama hörte ich mir dann an, während unsere Große in so einem 50-Cent-Auto vor sich hinwackelte. Das Fahrzeug wählten wir ständesgemäß in der Form eines amerikanischen Polizeiwagens – die Alternative wäre ein quietschbuntes Etwas gewesen. Damit ich nichts verpassen würde, gönnte ich ihr das 3er-Paket für 1 Euro. So war sie glücklich. Und ich auch.

sarahobama

Ich muss sagen: Viel schöner hätte ich es mir nicht wünschen können. Inmitten der Stadt, die meine Heimat geworden ist, mit meinen Kindern diesem Moment zu lauschen. In Frieden. Das war toll.

Meine Lieblings-Rand-Anekdote: Wie geil ist das, dass die Hymne zu dieser bemerkenswertesten Amtseinführung eines amerikanischen Präsidenten, an die ich mich erinnern kann, von John Williams ist. Dem Mann, der uns die Film-Musik zu Star Wars geschenkt hat. Das ist Pathos Deluxe!

Nun seid ihr an der Reihe:

Schreibt in die Kommentare wo ihr gewesen seid, was Ihr gedacht habt, welche Fotos ihr gerade gemacht habt. Lasst uns ein Zeugnis ablegen für die Generationen nach uns, dass wir dabei waren. Los.

obamatv

(Foto: Watcing the inaguration of Barack Obama (20) von  Travelin Librarian, CC)

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24 Kommentare »

  • Mischa said:

    Hehe. Ich hab nichts davon geguckt. Nichts. Nicht, weil ich’s verpasst hätte. Und auch nicht aus Boykott. Es hat mich nicht interessiert. Denn: Geschichte wurde am 4. November geschrieben. Nicht heute. Der Tag heute war aufgrund der wirklich sensationellen Ergebnisse vom 4. November so sicher wie ein Amen in der Kirche, zwangsläufig, politisches Protokoll, keine Überraschung. Deshalb hat mich das jetzt persönlich nicht so gefesselt, auch wenn du diesen Moment sehr toll beschreibst, wirklich. Ich freue mich aber sehr für die Menschen, die all ihr Hoffen etc. in diesen Tag setzten, ich bin mir sicher, es war großartig für sie.

  • markus.freise (author) said:

    Das stimmt ja so nicht. Am 4. November wurde er gewählt. Präsident wurde er erst heute. Hätte ihm jemand auch nur eine Sekunde davor die Rübe weggeblasen, wäre Pustekuchen gewesen mit „Erster schwarzer Präsident.“ Aber dennoch: Der 4. November war natürlich wegweisender. Richtig.

  • dent said:

    @markus: wie? die übertragung der amtseinführung des präsidenten der vereinigten staaten und amerika hast du nicht bei geeier-tunes für sensationelle 0,99 dollar-euro-schekel heruntergeladen? verräter! ich wusste immer: du bist ein heimlicher mircosoft-agent und treibst hier via dieses blogs ein perfides anti-apple propaganda-spiel.
    du bringst den armen s.jobs noch ins grab.

  • Lampe said:

    War in einer Vorlesung über die Sinus Studie “Wie tickend Jugendliche?” U27. Danach Abendessen und lernen.

  • kaeptNkaracho said:

    sehr coole story!
    …auch wenn mich der ganze hype doch eher weniger tangiert.
    ABER lassen wa dat -will nicht immer der spielverderber sein :-)

  • Tobias said:

    Ich saß im Auto und hörte B5aktuell … fühlte mich ein wenig wie weiland mein Opa, als er am Radio den WM Sieg 1954 anhören durfte …

    “Bush, Bush, immer wieder Bush, der wohl schlechteste Präsident der USA. Doch diesmal hat er sein Amt entgültig verloren, an die Demokraten. Biden nach innen geflankt, Kopfball abgewehrt, aus dem Hinterhalt müsste Obama schießen, Obama schießt. Tooor, Tooor, Tooor! Tor für die Menschlichkeit!”

    Oder so ähnlich … ;)

    lg

    Tobias

  • markus.freise (author) said:

    @dent: Hätte ich sogar getan, wenn es das gegeben hätte. Ich glaube immer noch, dass Qualität auch einen Preis haben darf. Und dass der, der ein Produkt zur Verfügung stellt, daran verdienen darf. Das nennt man Marktwirtschaft. Ich glaube an die Marktwirtschaft. ;-)

  • little james said:

    Ich war bolzen. Hab nicht einen Moment von dem Spektakel gesehen. Aber ein Tor geschossen.

  • markus.freise (author) said:

    @little james: Glückwunsch! Ich mag Bielefelder, die Tore schießen. Davon gibt es ja nicht viele.

  • Marcel said:

    Übrigens: Die Musik von John Williams ist in der amerikanischen Presse eher zwiespätlig aufgenommen worden. Die einen fanden es gut, eben weil es eher dezent-kammermusikalisch und nicht bombastisch klang. Die Kritiker hingegen hätten gerne genau das Gegenteil gehabt, eine bombastische “Star Wars” Musik mit vollem Orchester, die eine gigantische “Yes you can” Hymne geschmettert hätte.
    Ironischerweise wird aber genau das dem Mr. Williams immer vorgeworfen, nämlich “nur” Bombast-Hollywood Komponist zu sein.
    Wie man es macht…tststs.

    Also ich persönlich hätte nichts dagegen gehabt, beides zu hören! Aber ich bin auch ein Fanboy von Williams, von daher habe ich keine objektive Meinung! ;-)

    Viele Grüße
    MS

  • markus.freise (author) said:

    Schöner Blogbeitrag dazu bei Flickr: Wir sahen zu.

  • @irsign said:

    ich war im centralkauf und kurz vor 18 uhr zurück. habe mir dann NUR den versprecher beim aufsagen des schwörverses angehört. witzigerweise dachte ich zuvor noch (als der vizepresident dran war), dass das ja ganz schön lange halb-sätze sind, die man sich merken müsste, wenn man da auf diese lincoln-bibel schwört und ob die die wohl schon vorher üben, um die nicht zu vergessen. ;)
    den rest habe ich mir gespart, ich fand den 4.11. auch wichtiger.

  • Bateman said:

    Ich habe die Amtseinführung zuhause auf CNN gesehen.

    Jetzt muss ich mir auf meinen MEON-Profil in der Rubrik “Warten auf” etwas anderes eingeben, seit ich vor 238 Tagen den gestrigen Tag mit »George Bush sein letzter Amtstag« notiert hatte.

  • @irsign said:
  • Richie said:

    Ganz ehrlich? Ich war zu Hause und habe trotzdem nur blitzlichtartig ein paar Fernsehbilder und ein paar Fetzen im Radio mitbekommen. Schlicht weil ich es für wichtiger halte wie der Mann arbeitet, nicht wie er redet.

    Bisher sehe ich einen charismatischen Politiker, der Geschichte schreibt weil er ein Farbiger ist. Traurig, dass es im Land der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten so eine Bedeutung hat. Geschichtsträchtig und beachtenswert dennoch, weil er der erste farbige Präsident ist und deshalb für einen Meilenstein in der gesellschaftlichen Entwicklung der Amerikaner steht.

    Ansonsten finde ich den Hype um Barrack Obama schon erschreckend übertrieben. Zumal es im Vergleich zu seinem Vorgänger sowieso nur schwerlich schlechter werden kann! Geleistet hat er noch nichts, lediglich flammende Reden gehalten. Ich warte da vor einer Bewertung ganz sachlich die ersten 100 Tage Amtszeit ab.

    CU

    Richie

  • markus.freise (author) said:

    Dieser „Obama-Realismus“ nervt ja fast noch mehr als der Hype. NATÜRLICH ist er nur ein Präsident. Und NATÜRLICH muss er genau so auf Toilette wie wir. Und NATÜRLICH wird auch er irgendwann sterben. Aber freut Euch für den Moment. Einfach mal so. Gott, seid ihr Deutsch.

    Ach ja: Die Berliner Mauer war auch nur aus Stein.

  • markus.freise (author) said:

    Ach ja:

    „Unter Berufung auf US-Politiker, die am späten Mittwochabend in Washington über die Pläne informiert wurden, berichtet die Zeitung, Obama wolle eine zweite Order erlassen. Damit wolle er die umgehende Schließung aller CIA-Geheimgefängnisse erzwingen und dem Dienst für die Zukunft jede Form von Folter verbieten.“

    Alles ganz easy. Nix besonderes. Der kocht auch nur mit Wasser.

  • Richie said:

    Na ja, man kann einen Präsidenten natürlich auch an seinen Auftritten vor der Wahl messen. Meine Sicht der politischen Welt ist das halt nicht. Aber ich habe auch für Fähnchen schwenkende Wahlkämpfer nichts übrig.
    Ich persönlich bin halt nicht nur Deutsch, ich bin auch noch Ostwestfale und somit eh jemand, der die Steine zum Hausbau mit dem Kopf aus dem Fels schlägt ;) .

    Die Schließung der Gefängnisse ist eine konsequente Handlung. Aber sie zeigt mir lediglich, dass Amerika wieder einen Präsidenten hat, der nicht nur von Menschenrechten redet, sondern sie auch achten wird. Das ist dem Kollegen Bush irgendwie abhanden gekommen. Die eigentliche Arbeit kommt erst noch und daran wird Barrack Obama sich messen lassen müssen.

    Es freut mich allerdings, dass sich die politische Welt wieder auf ein Amerika einstellen kann, in dem der Verstand und nicht der Colt regiert.

  • Keith Shepherd said:

    My wife and I had the chance to attend the Inauguration and the Biden Homestate Ball in person. We live in Washington, DC and it was an amazing experience. I’ve posted my photos and thoughts on brightkite. You can find a journal of our experience here: Inauguration and Ball Photos

    I hope you enjoy!

    Grüß!

    -Keith

  • markus.freise (author) said:

    For all to know: Keith is a guy I got to know because I translated an iPhone-Program for him (Imangi, best word puzzle for the iPhone, get it from the german AppStore). And because he lives in Washington and I knew, he had the chance to attend the Inauguration, I thougt it’d be nice, he’d tell us a little about it. That’s the story.

  • kaeptNkaracho said:

    (nur mal so in ner schublade gedacht)

    “Gott, seid ihr Deutsch” @markus.freise

    …wenn ich so was schon höre(lese)
    kauf dir ne cola, ne knarre, nen bigmac, zieh dir bonanza rein und huldige dem land mit der todestrafe.

    god bless america

  • markus.freise (author) said:

    Karamba, Karacho: Ein BigMac mit Cola ist doch prima. Ne Knarre prinzipiell auch. Es war ein Riesenspaß beim Bund mit dem G3 rumzuballern. Das musst Du mal machen, das geht richtig zur Sache. Echt. Oder wie Mama immer sagt: „Hätte ich ein Gewehr, dann würde ich so manchem erstmal ordentlich in die Füße schießen.” Bonanza fand ich als Kind prima, mag heute aber lieber LOST, Heroes und 24 (Kommt auch alles vom Feind). Und Todesstrafe? Ach. Das ist mir aber auch zu „Schubladig“, es jetzt darauf zu reduzieren … Free Tibet!

    Look at me!

  • kaeptNkaracho said:

    ich glaube du hast mich da etwas falsch verstanden. („Kommt auch alles vom Feind“)
    wollte nicht gnadenlos über die “amis” oder den obama hype abledern.
    (hab mich nur etwas über “typisch deutsch” aufgeregt weil mir DAS zu schubladig war)

    ABER ich sehe das eben nicht so euphorisch wie viele.
    nen historisches ereignis is es auf jeden fall! -ein schwarzer in DEM amt! (mächtigster mann der welt mäßig)
    das hier aber so getan wird von wegen: “dat werden wa ma unseren enkeln erzählen” ist meiner meinung völlig aus der luft gegriffen.

    free tibet!, viva la revolucion!, viva las vegas und urbi et orbi
    ;-)

  • markus.freise (author) said:

    ;-)

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