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Mo, 15.12.2008 | Mischa-Sarim Verollet4 Kommentare

Yeah! Peer!

Nicht erst die gestern auf Phoenix ausgestrahlte ZEIT-Matinee hat mich in meiner Meinung bestärkt, dass wir mit Peer Steinbrück nicht nur einen der besten Finanzminister aller Zeiten haben, sondern auch wahrscheinlich den einzig wirklich fähige Politiker in der amtierenden Regierung. Nicht, dass ich jede seiner politischen Entscheidungen uneingeschränkt toll fände. Aber von den derzeit rumchargierenden Damen und Herren in Berlin ist er derjenige, der der als einziger wirklich Integrität und Authenzität beweist.

Und damit stehe ich nicht allein, nicht nur in der Bevölkerung, auch quer durch alle politische Lager genießt der Finanzminister großes Vertrauen. Von den ZEIT-Herausgebern Jose Joffe (Typ CSU-Kreistagsabgeordneter) und Michael Naumann (Typ Sozialpädagoge, wegen einer Familienfeier ausnahmsweise im Anzug) nach den Gründen für die breite Zuneigung gefragt antwortete Peer Steinbrück launisch mit ein paar (von mir sinngemäß zitierten) Allgemeinplätzen, die dennoch in der heutigen beinahe ausschließlich von Machterhalt geprägten politischen Landschaft beinahe visionär anmuten:

Weite Teile meiner Partei und der Union haben nicht begriffen, dass man den klassischen Parteifunktionär nicht mehr haben möchte. (…) Im Vordergrund muss stehen: Erst das Volk, dann die Partei!

Banal, ja, platt! Aber wahr! Und er legt damit den Finger in die offene Wunde der dahindarbenden deutschen Bundespolitik. Und Peer Steinbrück geht weiter, er schreckt auch nicht davor, international Kritik anzubringen. So warf er den Briten berechtigterweise Quatsch beim Krisenmanagement vor und kritisierte die Mehrwertsteuersenkung:

“Unsere britischen Freunde senken nun ihre Mehrwertsteuer. Wir haben keine Ahnung, wie viel Geschäfte davon an ihre Kunden weitergeben. Kauft man wirklich einen DVD-Spieler, weil er nun 39,10 statt 39,90 Pfund kostet?”, sagte er. Die Maßnahmen höben Großbritanniens Staatsverschuldung auf ein Niveau, für das “eine ganze Generation” arbeiten müsse, um sie wieder abzubauen.

Das mag nun natürlich wirklich undiplomtisch gewesen sein – aber meiner Meinung nach leben wir in einer Zeit, in der die Diplomatie sekundär ist und die Krisenbewältigung an erster Stelle steht. Auch was Steuererleichterungen in Deutschland angeht hat der Bundesfinanzminister eine klare Meinung, die er in der ZEIT-Matinee äußerte:

Angesichts der absurden Diskussion über Steuererleichterungen stellt sich mir die Frage, ob manche Politiker eigentlich nur in Kästchen denken oder ob sie nicht auch mal Verbindungen herstellen.

Man könne nun mal nicht mehr für Bildung, Soziales und den Arbeitsmarkt tun und gleichzeitig flächendeckend Steuern senken. Das wäre nur bis zur Nasenspitze gedacht, man müsse auch mal die ressortübergreifenden Zusammenhänge erkennen. Mit der Ablehnung von Steuererleichterungen macht man sich nun mal wirklich nicht beliebt, sie ist das Gegenteil von Populismus. Aber mit dieser Position beweist Peer Steinbrück, der angesichts von unüberlegten Steuererleichterungen die Konsolidierung in Gefahr sieht sowie die Rückkehr zur defizitär arbeitenden Politik befürchtet, dass er tatsächlich seinen Job macht und keinen Wahlkampf betreibt. Und das vielleicht als einziger deutscher Politiker in der aktuellen Regierung. Erfrischend und gleichzeitig traurig.

(Teaserfoto: Timo Heuer, Lizenz)

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4 Kommentare »

  • markus.freise said:

    Ganz Deiner Meinung.

  • Legastiger said:

    Selten hat mich ein Politiker (im Fersehen) so überzeugt wie Steinbrück gestern abend auf Phoenix. Tatsächlich hat das Mann Sachverstand für die Gesamte Regierung (was ist eigentlich aus Mischie “Steuersenkungen JETZT” Glos geworden?).

    Er konnte auf qualifizierte Fragen noch qualifizierter antworten und musste nicht wie seine Kollegen (zur gleichen Zeit bei Anne Will) um den heißen Brei rumreden. Klare Ansagen und einen sagenhaften Humor der Mann.

    Die Peer Steinbrück Partei würde ich – als grüner – auch wählen.

  • Mischa (author) said:

    @Legastiger: Ja, so ist es. Genau so. Der Mann hat einfach: Profil! Und darüber hinaus den nötigen Sachverstand. Ich dachte mir gestern: Ey! Wir schielen nach Amerika, sind neidisch – dabei liegt das Gute vielleicht so nah. Ich möchte ihn jetzt nicht in den Himmel loben, wie gesagt, aber er scheint einer der wenigen Politiker zu sein, die tatsächlich Antworten und einen Plan haben.

  • textexter said:

    Erstaunlich, wie rund 100.000 € Honorar für die agierende PR-Agentur aus dem farblosen Beamten – ehemals gescheiterter Finanzminister und Minipräses von NRW – eine “Lichtgestalt” machen sollen. Klappt aber nicht. Lassen wir den Blogger “Feynsinn” einfach mal was zum flotten Peer mit seinen Seeheimer Kreiselsprüchen sagen:

    Der Nobelpreisträger für Wirtschaft, Paul Krugman, pflegt nach wie vor die deutlichen Worte und nennt die Deutsche Regierung, nament – lich Peer Steinbrück, “dumm”. Die faden Worthülsen des Finanzminis begründen wie immer alles und nichts, er und seine Kanzlerin schwafeln von “Augenmaß”, anstatt auch nur den Ansatz einer Strategie zur Lösung eines überwältigenden Problems zu erarbeiten. Sie haben keine Ahnung, betreiben weiterhin Lobbypolitik und zeichnen sich aus durch roboterhaftes Laborieren nach “Schema F”. Weil sie der Lage intellektuell nicht im entferntesten gewachsen sind, schotten sie sich gegen die Realität ab. Das geht so weit, daß sie sich weder mit der EU noch mit den USA oder sonstwem in der Welt koordinieren. Der Begriff “Vogel-Strauß-Politik” findet in diesen Tagen eine Manifestation in mythischen Dimensionen.

    Dem ist nichts hinzuztufügen außer, daß der Mann flottesten Schrittes auf eine weitere Legillaturperiode in seiner geliebten Großen Koalition unter Uckermarks ganzen Stolz zusteuert. Da fühlt er sich wohl, verteilt munter weiter von unten nach oben und hat sein Pöstchen bis zur Finalpensionierung sicher. Da gibts da sicher noch einige Male auf dem Neolib-Sender n-tv Gelegenheit zur verbalen Selbstdarstellung. Sollte es jemand wagen, seine Milliardengeschenke für Hütchenspielende Banker zu kritisieren, wird er ihn nach bester Hanseatenart abkanzeln. Kann er ja hervorragend, der Peer. Der beste CDU-Finanzminister, den die SPD je stellte.

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