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Fr, 05.12.2008 | Markus Freise2 Kommentare

Photocase stiehlt mein Geld

Photocase war für mich bei ihrer Gründung 2001 die erste wirklich ernsthafte Erfahrung in Sachen „User Generated Content“. Jeder konnte Fotos hochladen, jeder konnte Fotos herunterladen. Das ganze zu Preisen, über die große Bildagenturen mit Spitzenfotografen sicherlich eher gelacht haben, als dass sie von ihnen gefürchtet wurden: Ein Foto für 1 Euro konnte niemals so gut sein, wie eines ihrer rundgelutschten Stock-Fotos, die schnell auch mal im vierstelligen Bereich landeten.

Zu Beginn hatten sie da sicherlich Recht: Die Qualität der Motive in der Photocase-Bibliothek war übersät vom Chic der Retro-Kids, die Ende der 90er ihre erste IXUS IV kauften und in PUMA-Shirts die anderen Hornbrillen-Träger beim Grimasse-Schneiden fotografierten, weil das so ähnlich aussah wie in den Videos von Zweiraumwohnung. Zudem: Technisch gesehen war die Auflösung der Bilder „oh-kay“. Auch nicht mehr. Das war eine hübsche Spielerei für Design-Studenten.

Dann wurden Spiegelreflex-Kameras für jedermann bezahlbar und lieferten Bilder, die auch technisch einwandfrei waren. Und parallel wurde die Bildwelt der „Generation NEON“ erwachsen. Immer mehr klassische Fotografen fanden zudem noch ihren Weg ins digitale Zeitalter. Und die Photocase-Gemeinschaft positionierte sich – gewollt oder nicht – geschickt in einer unbesetzten Nische: Künstlerische Stock-Fotografie zu kleinen Preisen, die wirklich jeder bezahlen konnte. Das ging dann qualitativ soweit nach vorne, dass nach den Design-Studenten auch immer mehr Agenturen gerne auf das Material zugriffen und immer noch greifen.

Und so begannen die klassischen Stock-Agenturen den kleinen Rebellen ernstzunehmen. Und machten das cleverer als die Musikindustrie: Sie weinten nicht in ihre leeren Auftragsbücher sondern schufen mit Angeboten wie istockphoto.com oder fotolia.com kommerzielle Gegenparts. Mit einem wesentlichen Unterschied: Ein gestaffeltes Lizenzmodell mit verschiedenen Preisen für verschiedene Qualitäten – von 1 Euro für sehr kleine Bilder bis zu 10-20 Euro für Großformate. Genau wie sie das immer getan hatten. Nur ungefähr für 1% des bisherigen Preises. Photocase hingegen blieb beim bequemen Einheitspreis ihrer Bilder für 1 Euro und dem simpelsten Lizenzmodell das ich mal „Attribution” nennen möchte. Bild runterladen, nutzen, Fotografen nennen. Bums! Fertig. Wundervoll. So müssen moderne Medien sein.

Und nun das: Photocase wird erwachsen!

In den vergangenen Tagen hat Photocase ein weitreichendes Update hochgefahren.

Nicht nur, dass ich so unsere Firmen-Weihnachtskarte mit 2 Tagen Verspätung finalisieren konnte, weil Photocase so lange offline war. Nicht nur, dass ich mich seit dem gar nicht mehr bei Photocase einloggen kann – und dummerweise das E-Mail-Konto, dass ich damals hinterlegt hatte auch mittlerweile gelöscht habe und so keine Ahnung habe, wie ich an mein Passwort kommen soll oder was mit meinem Budget ist.

Mein Budget, für das ich annodazumal echtes Geld bezahlt habe. Keine über die Monate zusammengeklauberten kostenlosen Credits. Richtig, mit PayPal bezahlt. Hatte ich mir gegönnt, um Blog-Artikel zu illustrieren oder auch mal – wie erwähnt – fürs Business zu nutzen. 100 Euro habe ich mich das kosten lassen. 100 Bilder sollte ich dafür bekommen. Wieviel von den Credits noch übrig ist, kann ich ja nun nicht genau nachsehen. Gefühlt so 60. Reell sind es aber leider nur noch 30. Oder 15. Oder 10. Wer weiß.

Denn Photocase hat einfach so mal eben das Lizenzmodell so dermaßen verschärft, dass sie damit einen großen Teil ihres einstigen Charmes gleich mit über Bord geworfen haben. Im Detail aus der Ankündigung auf der Website:

„Mehr, ähm, Auswahl: Die Preise spiegeln ab sofort die Größe des Fotos wider. Kleine Fotos kosten 2 Downloadcredits, Große Fotos 4 Downloadcredits und Supergroße Fotos kosten 6 Downloadcredits.” Photocase

Ich finde, das ist „Mehr, ähm, Verarsche“. Denn früher kostete jede Größe – und zwar die größte – 1 Euro. Und je nach dem, wie man das nun rechnet, hat Photocase mal eben aus meinen 60 Credits irgendwas zwischen 30 bis lächerlichen 10 Credits gemacht. Das ist eine bodenlose Frechheit!

Und wenn man am Ende der oben erwähnten Ankündigung die Kommentare der Nutzer liest, ist das Echo differenziert. Einige finden es gut, andere nicht und noch wieder andere bringen interessante Aspekte zur Sprache, inwiefern die Umstellung Photocase auf Dauer verändern wird, weil sich deren Anwendungs-Kultur wandeln wird. So schreibt Kai1989 zu recht:

„Schade finde ich nur (und das vor allem), dass wir PC (Anm.: Photocase) jetzt nicht mehr für unser Schülermagazin nutzen können… Also das fiel nach dem letzten Update schon deutlich schwerer (Anm.: Früher bekam man täglich 3 Credits kostenlos, nach einem vorherigen Update nur einmal die Woche) und ist jetzt wohl unmöglich.” Kai1989 auf Photocase

Man möchte denken: Schülerzeitungen, nun ja. Was soll es. Man kann es nicht jedem Recht machen. Aber im Prinzip bricht die gesamte Zielgruppe der weniger zahlungskräftigen bzw. zahlungswilligen Netz-Benutzer weg: Blogger, Studenten, kleinere Agenturen usw. Die werden nun sicherlich auf kostenloses Creative Commons-Angebote wie flickr.com zurückgreifen, anstatt 2 Euro für ein kleines Bild zu bezahlen. Nach meiner Auffassung hat Photocase hier seine originäre Zielgruppe und seinen Kundenstamm im Stich gelassen, ja: hintergangen.

Aber auch kommerzielle Nutzer, die es gewohnt sind, für Bildmaterial Geld zu zahlen, sind irritiert. 4-Ohren bringt dazu einen Punkt zur Sprache, den ich als Designer zu 100% bestätigen kann und der Photocase gerade in der Werbeagenturbranche den wohl größten Image-Schade zufügen könnte:

„Ich gebe aber vor allem zu bedenken, dass ich bisher auch schon mal für einen Job im Layout bis zu 10 verschiedene Bilder geladen und dem Kunden zur Auswahl vorgestellt habe. [...] Bei 4 Credits pro druckbarem Bild ist solch ein unbeschwerter Umgang natürlich nicht mehr angesagt. Will heißen: Einzelne Fotografen bekommen dann vielleicht etwas mehr von mir, die Masse dafür aber eben eher gar nichts mehr. Auch natürlich nicht die Chance, vom Kunden wahr genommen und ausgewählt zu werden.” 4-Ohren auf Photocase

Das ist alles richtig. Und wäre ein Grund Photocase die Freundschaft zu kündigen. Es gibt nur ein Problem: Nach meinem Empfinden gibt es zur Zeit keine wirkliche Alternative zu Photocase. Flickr ist mir viel zu unübersichtlich und die Bilder, die man dort findet sind eigentlich eher aus der Kategorie „Urlaubs- und Event-Fotografie“. Von einem künstlerischen Anspruch kann dort in der großen Masse keine Rede sein. Und wenn, dann sind keine Nutzungsrechte da, weil es bei Flickr kein Lizenzmodell gibt, dass dem Fotografen zumindest Mikro-Einnahmen ermöglicht. Wie es Photocase bis vor einigen Tagen noch tat. Ach: Die CC-Fotos in Flickr halten den Aufnahmen aus Photocase schlicht nicht stand. Was natürlich an der Grundauslegung lag: Photocase begann als Community für Fotografen, flickr.com als Foto-Community für Jedermann. Und jedermann hat zwar eine Kamera. Aber jedermann ist eben kein Fotograf.

Erst einmal bleibt mir ja sowieso nichts anderes, als auf eine Antwort vom Photocase-Support zu warten, wie ich überhaupt wieder an mein Login und an meine Credits komme, um zu sehen, wieviel Geld Photocase mir genau „gestohlen“ hat.

Wie auch immer: Schade, Photocase. Du warst mal ein so cooler Typ.

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2 Kommentare »

  • Soletti said:

    Schade dieses Lizenzmodell, echt schade. Photocase ist sicher noch lange nicht tot, das einzigartige was die Seite gross werden liess ist aber verloren.

  • Sebastian (Tanis) said:

    Hallo Leute, mehr als zwei Jahre nach diesem Blogbeitrag habe leider auch ich etwas zu schimpfen. Ich hatte mal 180 Credits und wurde nun auf 0 herabgesenkt. Einfach so, ohne Angabe von Gründen. Auf Anfragen hin hieß es dann, ja sind kostenlose Credits gewesen. Da ich diese aber bezahlt habe, bin ich nicht nur stinksauer sondern auch ziemlich fassungslos. Mittlerweile sind 20 von meinen 180 Credits wieder da und wenn ich einkaufe, bekomme ich einmalig 10% Rabatt. Der Wahnsinn! Mehr dazu gibts hier nachzulesen.

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