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Di, 02.12.2008 | Rouven Ridder5 Kommentare

Andreas Gursky Fotogott

Wieder einmal war ich mit dem NRW-Semesterticket unterwegs. Am Sonntag führte es mich in die Ausstellung von Andreas Gursky in Krefeld.

Fotografie ist keine Kunst, zumindest nicht, wenn man den üblichen Vorurteilen hörig ist. Was sollte auch an einer Technik, die imstande ist, die Natur so identisch abzubilden wie die Fotografie, noch kunstvoll sein? Schließlich gelten die Ansichten des Naturalismus’ und Arno Holz’ Formel von „Kunst = Natur – X“, alles möglichst so darzustellen wie es ist, heutzutage als völlig überholt. Da muss schon was anderes kommen als bloße Abbilder. Oder doch nicht?

Werfe ich einen Blick auf die StudiVZ-Profile meiner Freunde, sind diese nur so voll mit Fotos. Partyalben reihen sich en masse an Urlaubsdokumente. Der naturalistische Maler von einst hatte das gleiche Bedürfnis wie die heutigen Festhalter mehrköpfiger Sangriatopf-Genießer: Alles Gesehene bloß für später festhalten. Guck einmal, Enkel Justin, in diesem heimeligen Dorf haben wir früher gewohnt bzw. im Urlaub gesoffen. Im Prinzip könnte man also behaupten, dass die damalige holzartige Forderung nach naturnaher Abbildung dank der digitalen Fototechnik überhaupt erst populär geworden ist. Irgendwie*.

Eigenartig wird es erst dann, wenn sich das Objektiv für einen Millisekunden-Augenblick öffnet, etwas augenscheinlich existierendes auf Film bannt, allerdings nach der Entwicklung die Motive etwas anders als erwartet auf den entsprechenden Bildern vorzufinden sind. Schießt man viele Fotos, können selbstverständlich Zufallstreffer darunter sein, die ganz erstaunliches zutage fördern. Die Oberleitung, der Hinterhof usw. usf. erscheinen plötzlich in ganz anderem Licht und die Mutter Gottes steht plötzlich in der Biotonne. Oder so ähnlich.

Jeder Fotograf, der sich als Künstler bezeichnet und versteht, wird natürlich behaupten, dass er die Realität nicht einfach nur abbildet. Da fallen dann schnell mal so Phrasen wie „den Blick fokussieren“ und so weiter.

Auch Andreas Gursky kann fokussieren. Der bei Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie Düsseldorf gelernte Fotograf reiste in seiner frühen Schaffensphase durch Rheinland und Ruhrgebiet und suchte dort seine Motive. Martin Hentschel, der Krefelder Kurator, bemerkt in seinem im Ausstellungskatalog veröffentlichten Artikel ebenfalls, dass mit Gurskys Motiven etwas nicht stimmt. Hentschel suchte die Stelle auf, die der Fotograf für sein Bild „Mülheim an der Ruhr, Angler (1989)“ (leider online nicht auffindbar) ablichtete und stellte fest, dass die dortige Topographie nicht dem idyllischen Eindruck entspricht, die auf dem Bild vermittelt wird. Die nahegelegene Schleuse, das Wasserkraftwerk, der zweite Flussarm, all das, worauf man an diesem Ort in der Realität trifft, werden ausgeblendet. Für dieses eine Bild soll dort ausnahmsweise einmal mitten im Ruhrgebiet Ruhe herrschen.

Zentrale Objekte besitzen die Bilder nur selten. Entweder nimmt ein Naturmonument das Foto komplett ein (siehe Rhein) oder Figuren oder kleinere Objekte rücken an den Rand. Da Gursky dafür bekannt ist, seine Bilder in Formaten von mehreren Metern Kantenlänge auszustellen, vollzieht der typische Ausstellungsbesucher stets eine Vor- und Zurückbewegung: Das Ganze aus größerer Distanz betrachtend, für Details dann wieder dicht heranrückend. Oft bemerkt man erst aus nächster Nähe, dass auf dem Bild Personen zu sehen sind (siehe Klausenpass 1984). Das macht Spaß und erinnert oft ein wenig an die Suchbildbände aus der Kindheit, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann.

Gursky kann sich rühmen, mittlerweile im bloßen Wikipedia-Artikel „Fotografie“ neben wenigen, anderen Fotografen genannt zu werden. Und um einen anderen Indikator für seine Bekanntheit anzugeben: Im Jahr 2007 bot jemand für einen Abzug der Bilder 99 Cent II Diptychon 3,3 Millionen US-Dollar. Es sind damit die teuersten Fotografien aller Zeiten.

Die Krefelder Ausstellung in den Häusern Esters und Lange ist es leider aus Platzgründen nicht möglich, alle Bilder in den großen Formaten aufzuhängen. Der Anspruch, möglichst viel von Gurskys Werken aus der Zeit 1980-2008 zu zeigen, wird aber mit kleineren Abzügen erfüllt. Dennoch kann man an zirka zehn wandfüllenden Werken ersehen, welchen Eindruck die Bilder auf den Betrachter besitzen können.

Ich könnte noch mehr schreiben. Wie toll ich die Bilder der Pförtnerlogen fand oder Ablichtungen von industriellen Arbeitsprozessen. Doch der Rahmen würde hier gesprengt, wenn er es nicht schon ist. Ich empfehle unbedingt einen Besuch dort, sollte es die Zeit erübrigen. Und ich pimpe nun mein StudiVZ-Profil auf metergroße Fotoalben auf. Für die vielen Bilder von Oberleitungen.

Die Ausstellung “Andreas Gursky: Werke 1980 – 2008″ dauert noch bis zum 25. Januar.
Ab Hauptbahnhof Krefeld Buslinie 54, Haltestelle Häuser Esters/Lange

Eine kleine Werksschau per Google-Bildsuche (sicherheitshalber, der Urheberrechte wegen)

(Foto: libbyrosof, Lizenz) Das Foto zeigt einen Ausschnitt aus “Ohne Titel XVI” (2008), in das Gursky per Montage ein Bild von sich selbst eingefügt hat.

*„Irgendwie“ ist übrigens mit eines der ungeliebtesten Worte in allen Seminaren, die sich mit Kunstwissenschaften beschäftigen. Man sollte tunlichst daran tun, es ähnlich zu vermeiden wie das Wort „Man“. Ungern gehört und gelesen sind Gleichklänge wie „-schaften“ auf „beschäftigen“ oder „tunlichst“ auf „tun“.

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5 Kommentare »

  • Christiane said:

    Gursky ist wirklich ein toller Fotograf, der es schafft seine Kunst ins Jetzt zu holen. Die Ausstellung in München mit den Riesenabzügen war vielleicht gigantischer, aber ich finde auch, die Krefelder Ausstellung besticht durch ihren kleinformatigen Charme. Und auch ein toller Artikel. Glückwunsch nach Bielefeld!

  • Onkel Otto said:

    Fototapeten!

    Ganz nett.

  • Onkel Otto said:

    Übrigens:
    Gurskys gibts in jeder Stadt: http://mks.antville.org/

  • Stephen said:

    ich denke ebenfalls das andreas gursky ein herausragender Künstler ist, dessen Arbeiten auch in 10 bis 20 Jahren nichts an ihrer Brisanz und Akutalität verloren haben werden. eins meiner absoluten Lieblingsmotive auch wenn es nicht so ganz zu den bekannteren gehört ist die Cheops Pyramide in Agypten.
    http://www.germanposters.de/andreas-gursky-poster.html

  • Dosxiyudifigi said:

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