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Mo, 01.12.2008 | Mischa-Sarim Verollet8 Kommentare

Warum Deutschland kein Land der Innovationen ist

(Foto: Marcus Vegas, Lizenz)

Der Bierdeckel der Charlottenburger Kneipe verheißt einen tollen Dienst: Man schicke eine SMS mit “Brief” oder “Postkarte” an die 22122 und schon erhält man eine 12-stellige Zahl, die man anstatt einer Marke und damit den leidigen Weg ins Amt sparend auf das Medium schreiben kann. Toll. Wirklich etwas Sinnvolles, denke ich, wie oft habe ich mir schon gedacht, och, Brief schreiben, ja, aber jetzt noch raus in die Kälte und zum Amt, nein, danke.

Sollte die deutsche Post tatsächlich mal etwas wirklich Cooles entwickelt haben, frage ich mich gerade, als ich einen Blick auf das Kleingedruckte werfe. Die Kosten für eine Briefmarke belaufen sich auf 95 cent, die einer Postkartenmarke auf 85. 85. Fünfundachtzig. Knapp 40 Cent mehr als eine Klassische. Zzgl. Gebühren des Anbieters (bislang nur T-Mobile, Vodafone, E-Plus).

Das. Kann’s. Einfach. Nicht. Sein. Es kann einfach nicht sein, dass dieser praktische Dienst 40 Cent mehr kostet! Es ließe sich nur damit erklären, dass der Bearbeitungsaufwand größer ist – vielleicht muss diese Marke wegen Unleserlichkeit von Hand kontrolliert werden, andererseits müsste dann jeder meiner Postkarten 40 Euro mehr kosten, aber die werden ja auch gescannt. Aber selbst das rechtfertigt in der Masse keine Erhöhung von 40 Cent PRO MARKE! Das ist doch Quatsch! Da rennt man doch wirklich lieber zur Post und holt sich zwischendurch für 50 Cent am Bahnhof einen warmen Kakao.

So wird dieses Produkt ausschließlich ein Notfallprodukt bleiben, wenn’s mal wirklich nicht anders geht. Andererseits nutzen die Leute, die wirklich oft Notfälle in Sachen Brief haben, meistens ohnehin schon Dienste wie STAMPIT. Deshalb: Dieser Service – zumal der Mann am Schalter und das Papier wegfällt – dürfte maximal bei einem Brief 50 Cent kosten, denn mit den zusätzlich anfallenden Handygebühren wäre man dann knapp über dem Preis einer klassischen Marke. Und das wäre eine realistische und attraktive Preisgestaltung für ein wirklich innovatives Produkt. Aber da hat man wie immer in Deutschland wieder nur bis zur eigenen Nasenspitze gedacht.

Habe nur ich das Gefühl, oder ist Deutschland wirklich das Land der halben Sachen in Sachen Innovationen? Das fängt doch schon regional mit der NW an, die ganz innovativ einen Blogspot anbietet, diesen aber ausschließlich den Lesern der Printausgabe zur Verfügung stellt, statt ihn auf nw-news.de zu veröffentlichen, wo er doch am meisten Sinn machte. Und es geht weiter mit der DB, die zwar Online-Tickets anbietet, der Kontrollvorgang im Zug aber dann so aufwändig ist (Code scannen, Bestätigung abwarten, Kreditkarte durchziehen und dann noch stempeln), dass die Schaffner immer genervt aufseufzen, wenn ein Fahrgast mit der Variante unterwegs ist.

Und jetzt auch noch die Briefmarke per Handy. Eine wirklich tolle, tolle Erfindung. Die sich aber selbst ad absurdum führt durch die Preisgestaltung. Das ist fast wie iTunes, die zwar Serien online anbieten – aber zu einem Preis, zu dem man bei Saturn die Originalbox bekommt. Ok, letzteres kein deutsches Problem. Aber das Prinzip passt. In Deutschland greift man scheinbar Innovationen gern auf, bekommt dann aber Muffensausen und versucht das ganze klassisch kaufmännisch zu betrachten. Vielleicht sollten die Jungs mal ein Praktikum in Silicon Valley machen. Dort erführen sie, dass das gerade in Sachen Innovationen der falsche Weg ist.

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8 Kommentare »

  • Lampe said:

    Mischa, die Briefmarke per SMS ist doch keine Kostenersparnis für die Post. Ich kann mir doch auch am Automaten ne Marke drucken und die dann aufkleben und zum Briefkasten wandern. Da bekomm ich auch keinen Postangestellten zu Gesicht. Ich denke zwar, dass das Model zum scheitern verurteilt ist, aber ich vermute da (ähnlich wie Serien bei iTunes) einfach den Ansatz des “mehr bezahlen für jetzt nicht extra dafür los müssen”

  • Mischa (author) said:

    Ja, aber Lampe, wenn das etwas beweist, dann doch nur, dass ich recht habe: Wenn’s am Automaten den gleichen Preis hat (man merke meine Schweizer Sozialisation), dann darf es doch per SMS nicht teurer sein. Wie ich sage: Rohrkrepierer, das Ganze.

  • Der G. said:

    Na klar ist die virtuelle Briefmarke eine Kostenersparnis für die Post, denn der ganze Vorgang ist durchautomatisiert und es werden keinerlei physische Resourcen dafür verbraucht (Papier, Druckfarbe, Klebstoffe). Natürlich müssen auch weniger oft die Automaten nachgefüllt werden wenn sich das verbreitet … Und die Handynetzbetreiber haben auch noch was davon (WinWin)
    Und ganz nebenbei ist das eine tolle Geldmaschine, denn es kommt mehr Geld herein, als die Briefmarke kostet (die die Beförderung der Briefe finanziert)— WinWinWin!

    (Deutschland ist das Land der Innovationen, wenn es darum geht, neue Geldmaschinen zu entwickeln.)

  • Bateman said:

    Mit der SM(S) ist eine Farce, aber die Möglichkeit, seine Postwertzeichen (Klugscheißermodus) über den eigenen Drucker auszudrucken finde ich gut, zumal ich bei Automaten nie die Summe passend habe und 5- oder 10-Cent-Marken jetzt im Überfluss.

  • Rouven said:

    Mal abgesehen davon, dass die Aktion evtl. Preise über den Kosten verlangt, darfst Du nicht vergessen, dass es ja nicht nur das “nicht mehr raus in die Kälte müssen” ist, was den Anreiz zur Nutzung dieses Dienstes bietet.

    Das nervtötendste an dem Gang zum Automaten ist mE nämlich die Zeit, die dafür aufgewendet werden muss, in der ich bestimmt drei bis vier – womöglich einbringende – Dinge lieber getan hätte oder sogar tun muss. Die wertvolle Zeit könnte sogar jemandem wie mir die SMS-Marke schmackhaft machen.

  • Mischa (author) said:

    Du, dass das Ding praktisch ist, daran besteht kein Zweifel. Aber 40 Cent mehr?! Ne. Da hat jemand einfach nicht verstanden, wie die Welt funktioniert.

  • Lampe said:

    … nicht verstanden wie die Welt funktionieren sollte, aber verstanden wie Kapitalismus funktioniert …

    Wenn Briefe und Postkarten ein total dufte und hippes Kommunikationsmedium wären, dann würde es jetzt bereits Sparabos für die Handy-Briefmarke geben und Klingeltöne für den Briefkasten. Ich glaube man müsste einfach nur dafür sorgen, dass man kleine Geräte hat, mit denen man Postkarten schrieben kann und noch praktischer wäre es, wenn das Porto dann gleich abgebucht werden würde. Automatisch. Und toll wäre es auch wenn der Empfänger einfach immer seinen Briefkasten dabei hätte und sofort wissen würde, wenn jemand ne Postkarte geschickt hat… das da noch keiner drauf gekommen ist, wundert mich. ;-)

    Jaja, ich weiß… Postkarte mit Bild und in der Hand halten und so ist schon schöner… ich hab heute einfach nen Clown gefrühstückt.

  • Mischa (author) said:

    Einen potentiellen Kunden hätten sie hier gehabt…

    http://failblog.org/2008/11/07/postage-fail/

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