Slam 2008 – Tag 3: Alles entspannt, alles super!
Schön ist’s hier. Das National läuft wie ein Schweizer Uhrwerk, perfekt. Der Geniestreich, alle Veranstaltungen in einer Location ablaufen zu lassen, macht das ganze zu dem was es sein sollte: ein wunderbares Poetry-Slam-Festival. Und dass es für mich weiter geht, ist natürlich aus persönlicher Sicht das I-Tüpfelchen.
Vor dem Halbfinale morgen abend um 18 Uhr habe ich nur einen Wunsch: Entweder eindeutig raus oder eindeutig weiter. Nicht wieder so eine Zitterpartie wie Mittwoch abend, das halte ich nervlich nicht mehr aus. Aber dieser Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen: Die Halbfinals werden das feinste Sieb aller Nationals aller Zeiten.
Wenn es jemals eine Bedeutung hatte, welchen Startplatz man hat, dann hier und jetzt. Denn angesichts der Tatsache, dass aus jedem Halbfinale von 12 oder 13 Poeten nur zwei (in Zahlen: 2!) ins Finale kommen, ist dat Dingen eine verdammte Lotterie, überhaupt nicht planbar.
Sowieso: Ist das Halbfinale für mich nur noch Bonus. Keine Erwartungen mehr, nur noch Spaß. Ich bin so glücklich darüber, noch dabei zu sein und noch mal vor dieser grandiosen Kulisse auftreten zu können, dass ich so entspannt wie noch nie, in den Wettbewerb morgen gehe. Und ich werde einfach irgendetwas lesen, was ganz neu ist oder womit niemand rechnet. Einfach so für mich.
Die OWL-Bilanz
Der gestrige Tag lieferte dann eine ähnliche Bilanz für das Startland OWL wie am Mittwoch (Goehre mit grandioser Leistung raus, ich weiter): Hälfte raus, Hälfte weiter. Für meinen Zimmernachbarn Martin Richter lief es beim ersten National bestens, er ist im Halbfinale. Lampe erwischte leider die bizarrste Vorrunde des Nationals (die ich gemeinsam mit Dari Hunziker moderieren durfte) – 11 x Lyrik, 2 x Prosa, und letztere hatten es dann auch in Person von Johanna und Lampe überraschend schwer, wobei Johanna das glücklichere Ende erwischte und weiter ist.
Überhaupt Johanna: In Sachen Poetry Slam und Literaturbetrieb geht es jetzt richtig ab. Johanna Wack hat den Publikumspreis des prestigeträchtigen Open Mic gewonnen und wird von Verlagen gejagt, Karsten Stracks Lektora entwickelt sich mit Sebastian 23 und Felix Römer zum neuen Poetry Slam Stammverlag, ich selbst veröffentliche im Februar bei Carlsen und darüber hinaus erscheint Doppelmeister Marc-Uwe Klings erstes Buch in Kürze bei Ullstein – und ist, so munkelt man, ein Garant für die Spiegel-Bestsellerliste. Davon profitieren wir alle, da waren wir uns einig. Und vielleicht geht mein Wunsch ja noch in dieser Generation in Erfüllung, dass in der deutschen Leselandschaft die Grenzen zwischen U- und E-Literatur eingerissen werden.
Und Zürich? Schöne, rätselhafte Stadt, die architektonisch an jeder Ecke zwischen sozialdemokratischem Zweckbau und Jahrhundertwende oder wie man nennt changiert. Hier fahren Güterzüge direkt durch die Stadt. Hier reden die Leute so ein getunetes Holländisch. Und müssen immens viel Geld haben, die nehmen es nämlich von den Lebenden. Zum Glück ist mein Lektor von Carlsen aus Hamburg zur Unterstützung eingeflogen und konnte mich auf Verlagskosten durchfüttern. Toll.
Ach, es gäbe noch so viele Anekdoten zu erzählen. Nach den für mich in persönlicher Hinsicht sehr, sehr schweren letzten Wochen sind diese Tage hier in Zürich mit meinen FreundInnen aus dem Slam-Zirkus eine Labsal. Viele, viele, viele gute Gespräche geführt, tolle Auftritte gesehen, überaus nette Menschen neu kennengelernt und Bekanntschaften aufgefrischt – Slamily wird seinem Family-Wortspiel wieder mal gerecht. Da fällt selbst der vermeintliche Wermutstropfen, dass ich aus medikamentösen Gründen keinen Tropfen Alkohol trinken darf, nicht mehr so sehr ins Gericht. Es geht, tatsächlich. Und vielleicht kann ich deshalb all diese schönen Eindrücke so genießen. Weil man einmal im Leben nüchtern ist.
Da fällt mir abschliessend ein: Volker Strübing hat wohl ein Bild von mir in sein Blog gesetzt. Allerdings vermutet die Firewall des Herbergs-Internet-PCs jugendgefährdende Inhalte auf seiner Seite, wer Volker kennt, weiss: mit Recht! Ich kann’s also nicht sehen. Ist’s hübsch?
(Titelfoto: Volker Strübing)
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Aha, so siehst du also nackt aus
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