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Di, 18.11.2008 | Mischa-Sarim Verollet2 Kommentare

Kratzfest

(Foto: Slashcrisis, Lizenz)

Es fing alles ganz harmlos an. Ein Jucken zuerst, ein leiser Kitzel, an den Oberschenkeln. Ich habe mir zuerst nichts gedacht, hat man ja manchmal, zwei Tage nicht gewaschen, Brennesseln oder Geschlechtskrankheit.

Aber es ließ nicht nach, wurde mehr, er breitete sich aus, der Juckreiz, ich wechselte das Waschmittel, es half nicht, ich wechselte das Duschgel, es half nicht, ich versuchte, an etwas anderes zu denken, es half nicht. Es machte mich bald wahnsinnig, dieses Jucken, wie kleine Zwerge unter der Haut, die mit Schuhen aus Federn down under Schlittschuh laufen. Eine allergische Reaktion, sagte der Hautarzt, hier, Cortizon, aber es half nicht, Tabletten, es half nicht, ich lag nächtelang wach, der Juckreiz ließ mich schlaflos. Und dann kratzte ich mich das erste Mal. Das sollte man nicht, das wusste ich, aber ich war keine 8 mehr, nicht mehr der achtjährige kleine Junge mit Windpocken und Mutter in der Nähe, die meine Hände prophylaktisch mit Mull umband und Wollsocken drüberzog, keine Mutter in der Nähe, und so kratzte ich mich das erste Mal. Nur eine kleine Stelle, nur eine klitzekleine Stelle, versprach ich mir selbst, und es war gut, es war sehr gut, es war mehr als gut, es war die Erfüllung. Ich lachte, ich gluckste, mir rannten Tränen des Glücks die Wangen hinunter während die Wellen der erkneteten Wonne aufstiegen. Nur diese eine Stelle, nur dieses eine Mal, schwor ich und brach den Schwur fünf Minuten später, die gleiche Stelle, dazu eine neue, viele neue, den ganzen Körper, oh Genuss, oh selbst herbeigeführter Trost, du wunderbarer Fingerbalsam, rief ich innerlich und kratzte.

Danach kamen die Schmerzen und ich versprach mir selbst, nie wieder, aber dann sagte ich mir, nur diese eine Stelle, nur diese eine und dann war ich schon nackt, bei H+M in der Umkleidekabine, auf dem Bahnhofsklo, in meinem Wohnzimmer, ich kratzte mich und war glücklich. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle. Ich war Kratzoholiker. Und merkte bald: Ich war nicht allein. Wir sind nicht allein. Man sieht uns, wenn man will, in der U-Bahn, beim Einkaufen, der Kollege auf der Arbeit. Die nervösen Blicke, das ständige Umschauen, ob man beobachtet wird, und dann das flüchtige Schaben mit den Fingern, mit anderen Gliedmaßen, schnell und selbst befriedigt. Ich merkte, wie ich mich immer mehr von Ungekratzten distanzierte, ich ging nicht mehr aus, ich zelebrierte das Kratzen allein in meiner Wohnung, bei Kerzenschein, stundenlang, bis ich blutend doch glücklich zusammensank und endlich, endlich, vor Erschöpfung oder Verzweiflung oder beidem einschlief.

Eines Abends, ich war doch mal wieder weg, da sah ich sie. Ich erkannte sofort, dass sie meiner Art war, dieser Blick, dieser stumme Schrei der Scham in ihren Augen, aber gleichzeitig, dieses wohlige Schauern, dass ihr Top zittern ließ. Sie hatte sich gerade gekratzt. Eine Gleichgesinnte. „Sei du meine Schallplatte“, flüsterte ich ihr ins Ohr, „ich will dein sein, dein Grandmaster Flash.“ Ich nahm sie mit nach Hause, wir machten süße Liebe und scharrten mit unseren Fingern kleine Krater ineinander, wir schabten und wir wetzten uns, unsere Finger, unsere Nägel waren unsere Katharsis, sie schrie, ich auch und das Bettlaken färbte sich rot wie unsere zerschundenen Leiber. Als sie schlief bewunderte ich ihr Gesicht, sie hatte keins mehr, aber ihre Striemen waren schöner als Palmolive es hätte erschaffen können. Ich kratzte mich und war glücklich. Dann schlief ich ein und träumte alb, es klingelte an der Tür, uups, meine Freundin. Da klingelte es, ich wachte auf, an der Tür meine Freundin, uups. Sie redete ich, ich hörte zu, und kratzte derweil meine Arme. Wer war das, fragte meine Kratzgespielin, als ich ins Zimmer zurückkam. Meine Ex-Freundin, sagte ich.

Wir sind sehr einsam in unserer Welt. Wir treffen uns online, in Chat-Rooms und machen CS, Cyber-Scratchen. Manchmal treffen wir uns auf kleinen Partys, dann trinken wir etwas, und dann kratzen wir uns. Aber da gehe ich immer seltener hin, ich kratze mich am liebsten selbst. Ich kenne mich ja auch selbst am besten, kenne die Stellen, die wirklich jucken und die Stellen, an denen es richtig gut ist. Ich habe meine eigene Technik entwickelt, aber ich bin nicht so’n Perverser, wie manche von denen, die sich vorher mit Salz und Zitronensaft einreiben. Nein, bei mir ist es nichts Sexuelles, nicht nur, eher eine Emotion von innen heraus, ein Gefühl wie wahre Liebe. Ich kratze mich liebevoll, liebestoll. Ich fange immer mit ganz kleinen kratzenden Kreisen an, ganz leicht mit den Fingerkuppen, dann nehme ich meine Fingernägel dazu, die Kreise werden größer, alle zehn Finger fächern aus und wieder ein, in Wellen, von oben nach unten, ich schließe die Augen und versuche diesen Schauer in meinem Hippocampus zu konservieren, ich drücke fester zu, ich kraule, ich massiere, ich schabe, ich knete, ich walke wunderliches Wohlsein in mich hinein, ja, ich kratze, ich kratze, bis die Luft nach verbranntem Fleisch riecht und ich epidermal erröte, oh du süßer Schmerz.

Am schönsten ist es, wenn der Schorf kommt, denn dann freue ich mich auf das Jucken, wenn die neue Haut nachwächst. Und schon ist sie weder weg. Aua. Und dann muss ich kratzen und kneten und Blut aufwischen und verbinden, damit die auf der Arbeit nichts merken. Ich habe mir an den Armen schon einige Male Haut transplantieren lassen müssen, die Alte war weg, es war weniger noch ein Kratzen als ein Umrühren in Bolognese-Sauce. Mein linker Arm wurde mir letzte Woche amputiert, er war nicht mehr zu retten. Um den verbliebenen Arm kratzen zu können, habe ich mir meine Zähne anspitzen lassen. Doch was mich am meisten verrückt macht, das ist der Phantomjuckschmerz, dort wo mein linker Arm mal war. Und Luftkratzen ist irgendwie blöd.

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2 Kommentare »

  • kaeptNkaracho said:

    „ich will dein sein, dein Grandmaster Flash.“

    Weltklasse! -hab mich “Wechgelacht”!

  • Slam 2008 - Sebstian23 holt den Pott in den Pott | Blogboys said:

    [...] Uhr 08 Mischa: 25,9 von 30 Punkten. Bin sehr zufrieden. Für Startplatz 3 von 13 großartig. Der „Kratzfest“-National-Remix ist geilst angekommen. Der Text war definitiv die richtige Entscheidung. Aber [...]

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