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Di, 18.11.2008 | Mischa-Sarim Verollet8 Kommentare

Das Geheimnis erfolgreicher Integration

(Foto: Konservendose, Lizenz)

Als ich letztens, von meiner allergischen Reaktion schwer geplagt, des Nachts schlaflos im Bett lag, kam mir die Antwort auf die Frage, weshalb unsere Integrationspolitik noch zu wenig Früchte trägt. Und sie ist denkbar einfach. Banal, könnte man fast sagen.

Erfolgreiche Integration ist nicht in erster Linie eine Frage des gastfreundlichen Klimas, sondern der Zeit. Wobei ich jetzt weder Diskriminierung banalisieren noch Deutschland aus der Pflicht nehmen möchte, ganz im Gegenteil!

Aber bei aller berechtigten Kritik an nach wie vor verbreiteten Vorurteilen, Schwierigkeiten, mit denen ausländische Mitbürger zu kämpfen haben und rassistischen Übergriffen, die es noch zu oft gibt, muss man auch mal wohlwollend feststellen, dass Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel dafür getan hat, dass man sich als Fremder hier wohlfühlt. Gerade im sozialen Bereich. Aber was fehlt – und was man sich natürlich wünscht und unter dem Oberbegriff “Multi-Kulti” herbeisehnt – ist eine übergreifende Identifikation mit Deutschland, eine Identifikation, die mit der Aussage “Ja, Deutschland ist meine zweite Heimat, in der ich mich wohlfühle, ja, ich bin deutsch!” einhergeht und erfolgreiche Integration mit einschließt. Denn, seien wir ehrlich, mangelhafte Integration ist ja nicht bloß ein deutschlandseitiges Problem. Viele möchten sich einfach nicht integrieren, und wenn in Deutschland aufgewachsene Jugendliche Deutsche halb tot prügeln und dabei mit stolzgeschwellter Brust berichten, sie töteten jetzt einen Deutschen, und überhaupt, Scheiß Deutschland, dann läuft etwas gehörig falsch. Dann müssen beide Seiten ihre Position hinterfragen. Dann fühlen sich unsere ausländischen Mitbürger offensichtlich nicht wohl und man fragt sich warum, denn bei allen nicht wegzudiskutierenden nach wie vor vorhandenen Problemen, die Ausländern gemacht werden, kann ich als deutscher Bürger mit Migrationshintergrund nur sagen: Man kann sich als Ausländer unterm Strich willkommen und wohl fühlen in Deutschland. Woran liegt’s also?

Und dann musste ich an Amerika denken.

Da sagt kaum noch ein schwarzer Mitbürger der USA, der dort genau wie viele seiner direkten Vorfahren geboren wurde, er wäre Kenianer oder Nigerianer oder Togolese. Nein, sie fühlen sich als Amerikaner, Afro-Amerikaner zwar, aber als Amerikaner.

Und nun ist es ja nicht gerade so, als hätte man die Schwarzen in Amerika auf Rosen gebettet. Während unsere Zuwanderer immerhin Gastarbeiter waren, kamen die ersten Schwarzen als Sklaven nach Amerika und waren – trotz des Endes der Sklaverei 1865 – weit bis in die 1960er (und in vielen Gegenden bis heute) Bürger zweiter Klasse. Trotzdem ist so gut wie jeder Afro-Amerikaner stolz, US-Bürger zu sein, stolz auf sein Land, seine Errungenschaften, seine Erfolge. Und der Schlüssel zum Geheimnis ist die eingangs erwähnte: Zeit. Wollen wir uns wirklich anmaßen, etwas in knapp 50 Jahren zu schaffen, wofür Amerika Jahrhunderte brauchte? Wie soll das gehen, wenn es selbst in der deutschen Ost-West-Frage interne Identifikationsprobleme gibt?

Ich sehe es ja anhand meiner eigenen Familie: Mein Vater brauchte zwanzig Jahre, um sich hier in Deutschland wohlzufühlen und sich soweit mit dem Land zu identifizieren, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft annahm. Und ich, obwohl in Deutschland aufgewachsen, kämpfte lange Zeit mit meiner Identität, ständig zwischen Deutschland und England hin und her getrieben. Erst seit Kurzem bin ich tatsächlich in der Lage zu sagen: Ja, ich bin deutsch, anglodeutsch, Deutscher britischer Abstammung zwar, aber meine Heimat ist: Deutschland (und ich habe nach wie vor ausschließlich den britischen Pass, was mich nicht daran hindert, mich deutsch zu fühlen, das Argument mit der doppelten Staatsbürgerschaft ist also nicht stichhaltig). Nun sind zwanzig Jahre vielleicht nicht so lang, aber man darf auch nicht vergessen, dass meine Familie aus dem westeuropäischen Kulturkreis stammt. Für Menschen aus dem kleinasiatischen Raum dürfte es merklich länger dauern, ja, zig Generationen vielleicht, um sich hier heimisch zu fühlen.

Die ersten Schwarzen gab es auf dem Gebiet der USA schon im 17. Jahrhundert. Martin Luther King hielt seine berühmte “I have a Dream”-Rede im Jahr 1963. Wäre er nicht ermordet worden, wäre er heute 80 Jahre alt. Und hätte nach seiner Rede 45 Jahre warten müssen, um den ersten schwarzen Präsidenten erleben zu müssen. Die Schwarzen als solche mussten über 300 Jahre warten. Diesen Zeitraum werden wir in Deutschland hoffentlich unterbieten.

Wenn wir es also schaffen, in Deutschland ein Klima des Willkommens für ausländische Mitbürger zu schaffen und aufrechtzuerhalten, dann ist Identifikation und Integration nicht eine Frage des Obs, sondern des Wanns. Und ich möchte bei Gott nicht die Wichtigkeit des gesellschaftlichen Klimas abwerten. Aber festzuhalten bleibt: Multikulti lässt sich nicht übers Knie brechen oder herbei diskutieren. Multikulti ist womöglich ein Traum, der sich noch nicht mal mehr in unserer Generation erfüllt. Was es vor allem braucht ist Geduld.

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8 Kommentare »

  • el gato said:

    also ist die lösung geduld? (oder zeit)

    geduld ist aber auf alles die lösung und mir zu theorielastig.

    ich finde, man sollte einen integrationsfeiertag einführen, an dem es verpflichtend ist, mit seinen nachbarn gemeinsam zu essen.
    wer das nicht macht muss zur strafe einen tag lang ehrenamtlich arbeiten.

  • Mischa (author) said:

    Ne, das ist quatsch, Schuster. Erzwingen kann man sowas nicht. Das muss passieren. Und das tut es. Immer wieder (wie während der EM oder WM). Aber damit das langfristig passiert, braucht es eben Zeit. Und wir müssen nun mal unseren ausländischen Mitbürgern die Zeit gönnen, sich zu integrieren. Auch das ist Toleranz.

  • el gato said:

    also, den ausländischen mitbürgern die zeit geben sich zu integrieren finde ich dann doch zu einseitig. das klingt so: hoch warten wir mal ab, die sollen ihre einstellung schon mal ändern.

    viel mehr sollten wir inländischen erstmal die barrieren aus dem kopf sprengen, was wiederrum nur durch kommunikation geht.

    ansätze zu gemeinschaftlich verpflichtenden aktivitäten sind beileibe keine schlechten dinge, sondern viel mehr der ansatz für ein besseres miteinander. so sieht das aus.

    und ich verstehe nicht, was dann die lösung, die so einfach sein soll, deiner meinung nach, ist.

    zeit? (aber zeit=geduld=zu pauschal)

  • el gato said:

    nationenübergreifende liebe und der damit verbundene trieb zur erhaltung der art könnte eine lösung sein.

    nur: wie kann man liebe befehlen?
    alte platten hören?

  • Mischa (author) said:

    ja, genau das ist es eben. diese ganzen diskussionen über gescheiterte integration sind völliger quatsch, weil sie eben den faktor “zeit” außer acht lassen. wir können doch nicht erwarten, dass wir hier in deutschland, wofür andere länder jahrhunderte brauchten, gerade mal in zwei oder drei generationen hinbekommen. und deshalb mein appell: ruhig blut, immer weiter am problem arbeiten, aber nicht denken, dass das problem morgen gelöst ist. die lösung: geduld und spucke. SO einfach ist das :)

  • el gato said:

    verstanden!

    apropo integration durch verständnis!

    marc uwe und der ackermann song gehen grad richtig ab!
    berlin bleibt eben publizitisch betrachtet das, was die stadt vorlebt: ein windhund auf der suche nach futter!

  • Mischa (author) said:

    jau, auch schon gelesen. ich hätte ja sommerloch gesagt, aber so… bleibt nur noch kopfschütteln, oder?

  • el gato said:

    ich denke: die schreiberlinge aus dem stern, die das angefangen haben, haben einfach das gemacht, was sie am besten können:

    einfach fragmente aus dem liedtext genommen und zitiert.

    von daher: die haben wirklich nichts zu tun.

    berlin ist und bleibt eben scheisse publizistisch.
    mit der taz gehts auch bergab!

    mal sehen, wann die das thema aufgreifen

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