Was kümmert mich der Cherusker heute?
Noch einmal Deutschland: Soeben habe ich einen Artikel gelesen, der mir ein wenig zu denken gegeben hat. Er ist in der gestrigen FAS, im dortigen Feuilleton, zu lesen und stammt aus der Feder von Claudius Seidl.

Es geht darin vordergründig um die neue Guido Knopp-Geschichtsdokumentation „Die Deutschen“, die derzeit auf dem ZDF die deutsche Historie chronologisch und exemplarisch an zehn großen Figuren vorführt, „vom ersten Otto bis zum letzten Wilhelm“. Mal abgesehen davon, dass ich die Dokumentationen des Herrn Knopp nie besonders leiden mochte, kritisiert Seidl einen ganz anderen Aspekt dieser Art von Geschichtsbetrachtung, der mir vorher noch nie so aufgefallen ist.
So stellt er den Vergleich mit anderen Ländern auf, in denen ebenfalls im Unterricht die Herkunft der Landsleute im Lehrplan steht: In den USA würde die Ankunft von Einwanderern mit der Mayflower gelehrt, in französischen Klassenzimmern wird erzählt, wie die gallischen Vorfahren dem Tyrannen Caesar Paroli geboten haben.
Heute aber lebte der Sohn eines ungarischen Journalisten und einer griechischen Juristin zusammen mit einer italienischen Industriellentochterim Élysée-Palast. Sarah Obama, die kenianische Großmutter des künftigen US-Präsidenten, freue sich über ihren ersten Besuch in den Staaten. Doch:
Die Sarkozys sind vielleicht nicht die beliebtesten aller Franzosen; aber dass sie sehr französisch sind, bestreitet kein Franzose. Und die Amerikaner haben in diesen Tagen große Freude daran, auf die Frage, wer sie denn eigentlich seien, die Antwort zu geben: Wir sind die Leute, unter denen einer wie Barack Hussein Obama groß und Präsident werden konnte.
Parallel dazu gibt es in Deutschland unzweifelhaft mittlerweile Millionen von Mitbürgern ausländischer Herkunft, die eine „blutsverwandten“ Abstammung zu Personen, die vor vielen hundert Jahren hier gelebt haben, nicht vorweisen können, sich aber trotzdem deutsch fühlen, deutsch sprechen, deutsch denken. Stattdessen werden sie aber in der Doku mit Situationen wie diesen konfrontiert: „Der Kaiser Otto [Anm.: 912-973] darf eine Szene lang altsächsisch sprechen, mit Untertiteln, wie im richtigen Film;“
Ich stelle mir aber ebenso die Frage, ob Seidls Art von Kritik angebracht ist, denn würde man Chronologie außer Acht lassen, hieße das dann nicht, die Geschichtswissenschaft ad absurdum zu führen? Oder, wieder anders: Ist dieser irre Zeitraum von über 1000 Jahren überhaupt geeignet, um Fragen stellen zu können wie „Wer sind wir? Woher kommen wir?“
Das Problem liegt aber, glaube ich, vielmehr darin begründet, dass man entscheiden müsste, an welcher Stelle des Zeitstrangs einen Schnitt macht, um noch ein kulturelles Identifikationspotential zum „Deutschsein“ zu finden. Für zeitlich näher liegende Entwicklungen finden sich ebenfalls historische Fakultäten, die sich mit ihnen beschäftigen.
Spannend daran ist außerdem, dass diese Kritik in eine Zeit fällt, in der an einem Einbürgerungstest gemäkelt wird, der eben auch Wissen zur deutschen Geschichte abfragt. Ganz zu Schweigen von der Debatte um Friedrich Merz’ unsäglicher „Leitkultur“.
Ich spreche daher jetzt einmal ganz bewusst eine gewagte These aus, die mit Sicherheit für reichlich Gesprächsstoff taugt und so manchem geschichtsbewusstem Leser aufstoßen wird:
Das „Wir“-Gefühl, dass Knopps historische Reihe erzeugt, schließt später eingewanderte Mitbürger aus. Man kann zwar Kaiser Otto I. oder vielleicht Armin, den Cherusker, kennen, muss man aber nicht. Zumindest nicht dann, wenn es um ein modernes Zugehörigkeitsbewusstsein zur Nation geht. Alles andere ist nur Sache von Bildung und Interesse.
Ich bitte um Gegenworte in den Kommentaren.
Link zum FAS-Artikel (online und kostenlos, ich werd verrückt)
(Foto: dierk schaefer, Lizenz)
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Niemand würde jemals bestreiten, das Cem Özdemir ein deutscher ist, Miroslav Klose oder Gerald Asamoha. Der Umstand, dass sie Deutsche sind ist aber eher kurzfristig mit der Struktur der Bundesrepublik Deutschland zu begründen und liegt nicht in einer langfristig historischen Betrachtung der „Deutschen“, wie Knopp sie scheinbar anstrebt.
Ist das wirklich so ein Ärgernis, dass es eine deutsche Geschichte vor 1933 gab und dass man auch diese einmal betrachten kann, um zu sehen, wo unsere Wurzeln? Meinetwegen: Aus denen „so etwas“ erwachsen konnte. Es geht um die Geschichte der Deutschen, also einem Volk. Nicht um die Geschichte der Bundesrepublik, als einem Staat. Das muss man unterscheiden können und dürfen … Das wird hier noch eine spannende Debatte. Ich ahne es. Rouven, du musst wahnsinng sein, das Thema „Deutsche Identität“ anzuschneiden.
Das verstehe ich jetzt nicht. Warum schließt eine Dokumentation “später eingewanderte Mitbürger” (an dieser Stelle – später als was? Alle 80 Millionen heute lebende Mitbürger sind später als Guido Knopps Doku) vom Wir-Gefühl aus? Entsteht so ein Wir-Gefühl nicht anders, beispielsweise wie während der WM 2006? Deutschland bzw. der Bereich Europas in dem Deutschland liegt war der größte Teil seiner Geschichte eine Viel-Völker-Region, bis heute sind Natiolismen und ihre Antipathien nicht ausgeräumt (siehe bayern preußen usw.). Insofern kann doch so oder so eine doku über deutsche Geschichte weniger ein Wir-Gefühl als ein Geschichtsbewusstsein wecken. Folglich verstehe ich jetzt weder die Brisanz noch die These selbst. Bitte um Erklärung.
Ich habe ganz bewusst geschrieben, dass das die These ist, die ich aus dem Artikel ziehe, um Eure Meinung dazu zu hören.
Anscheinend sieht Markus neben mir darin eine Brisanz, sonst hätte er mich nicht des Wahnsinns bezichtigt
Ich habe gerade noch einmal nachgelesen: Tatsächlich, Seidl spricht in dem Artikel von “Blutsbande”, die in Knopps Dokus hervorgehoben wird und das Wir-Gefühl erzeugen soll.
Dann behaupte ich einfach mal, dass der Seidl da etwas überhineininterpretiert. Dennoch verstehe ich die These nachwievor nicht – wir sind doch alle irgendwie später eingewandert. Sprich: ich behaupte mal, dass die Doku somit die große Mehrheit der 80 Millionen Bürger vom Wir-Gefühl ausschließt und nicht nur Minderheiten. Insofern ist das, was der Seidl veranstaltet: Viel Lärm um nichts. Man kann die Doku doch einfach mal als Docutainment begreifen, als unterhaltsame Chronik der Entstehung Deutschlands. Und das ist doch irgendwie nicht schlimm.
In der gestrigen Sendung, die man als allgemeinen Geschichtsunterricht mit unterhaltsamen Mitteln sehen kann, wurde u.a. in einem Satz behauptet, vereinzelte Dichter (die das Leid des 30en Krieges zu der Zeit besangen) hätten “ein Bewusstsein geschaffen” für das nötige Zusammenhalten … was schon sehr gewagt ist.
Als aber am Ende der Westfälische Friede nit seinen geopolitischen Festlegungen zum Grundstein mit direkter Linie zu unserer heutigen Föderalismusrepublik berbeigeredet wurde, traf m.E. die Kritik des FAS-Kommentators durchaus zu. Das nämlich vieles so dargestellt wird, als hätten die in der grauen Vorzeit Handelnden “schon im Blick gehabt, dass aus diesem Reich, dieser zerbrechlichen Föderation von Stammesherzogtümern, eines Tages jenes Land werden würde, in welchem es die AOK und die CDU, VW und BASF geben wird.”
des 30jährigen Krieges natürlich
Mit den Berichten von Onkel Otto ist Rouvens “Besorgnis” verständlich und gerechtfertigt. Der Herr Knopp lehnt sich also nen bisschen weit ausm Fenster… mit solchen Thesen.
@Lampe: Nein, nein, nein. Nicht Herr Knopp, sondern Herr Seidl lehnt sich mit diesen Thesen weit aus dem Fenster.
Der Artikel ist aber oben verlinkt.
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