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Mi, 05.11.2008 | Markus Freise7 Kommentare

„Fun Home” von Alison Bechdel

„Ich bin dein Vater!”

In irgendeinem Moment unseres Lebens kommen wir alle an diesen einen Punkt: Uns zu fragen: Wer waren diese Menschen, die uns in die Welt gesetzt haben und mit denen wir den größten Teil unseres bis zu diesem Moment gelebten Lebens verbracht haben. Und wer ist vor allem dieser seltsame Typ, der irgendwie nie da ist und der sich doch „Vater“ nennt und an dessen Tun und Handeln wir uns ab dann für immer orientieren sollen?

Wenn man Glück hat, stellt man sich diese Frage, wenn man selbst noch jung und dieses soziale Gefüge „Familie“ noch vollständig ist. Dann kann man sich an ihren Protagonisten reiben, sie befragen und vielleicht auf drängende Aspekte seines Werdens vernünftige Antworten bekommen, die einen weiterbringen. Häufig jedoch ist es genau der wichtigste von ihnen, dieser eine Mann, der Vater, den sich Brüderchen Tod als ersten in sein kaltes Reich holt und alle Antworten gleich mit und einem damit eine wesentliche Grundlage für die weitere Entwicklung entzieht.

Ins Pathos-Licht gerückt: Wie soll ein Baum in den Himmel wachsen, wenn ihm jemand den Stamm unter der Krone weghaut?

Die meisten flüchten sich dann einfach nach vorne ins Leben, vergessen ihre Fragen. Verzichten auf Antworten.

Einige haben jedoch den Mut und stellen sich genau diese Fragen selbst. In der Gewissheit, ja aus diesem Stamm erwachsen zu sein und deshalb dessen Wesen in sich zu tragen, dass so hoffentlich wenigstens eine Teilantwort parat hält. Denn um sich selbst zu begreifen, ist es wichtig die Menschen zu verstehen, die einen auf diese Reise „Leben“ geschickt haben.

Und einige der Einigen machen daraus Kunst. Roger Waters hat das 1979 mit dem „Pink Floyd” Konzept-Album „The Wall“ für sich geleistet, Paul Auster literarisch mit „Die Erfindung der Einsamkeit“ aufbereitet.

Der Comic „Fun Home“

Und Alison Bechdel hat es gewagt, daraus einen Comic zu machen: „Fun Home – Eine Familie von Gezeichneten“ (Amazon-Link) Oder, wie es im englischen Original etwas weniger „wortspielwitzig” heißt: „Fun Home – A Family Tragicomic” (Amazon-Link). Genau in dieser Sprach-Fassung habe ich es gelesen. Alle Warnungen meines Bruders in den Wind schlagend. Warum er Recht hatte: Dazu später mehr.

Alison Bechdel Fun Home Abbidlung Kiepenheuer & Witsch

Alison Bechdels „Fun Home” Abbildung: Kiepenheuer & Witsch

Die Comic-Zeichnerin Bechdel – Jahrgang 1960 und bekannt geworden durch „Dykes to watch out for” – erzählt in dem 240-seitigen Paperback „Fun Home“ ihre Geschichte in der Zeitspanne von ihrer Kindheit im ländlichen Pennsylvania bis zum frühen Tod ihres Vaters, der mit 44 Jahren von einem Truck erfasst und tödlich verletzt wurde.

Keine Sorge: Das vorab zu verraten ist nicht gespoilered. Denn diesen wesentlichen Punkt der Geschichte erfährt man bereits auf den ersten Seiten. Mehr noch ist der Tod, wie so häufig bei Vater-Geschichten, der Dreh- und Angelpunkt der weiteren Erzählung. Alles was davor geschieht, läuft auf diesen einen Schicksalspunkt zu. Alles was danach kommt ist damit verbunden. Er ist der punktsymetrische Moment der Entwicklung von Bechdel. An dem alles zusammenkommt und aus dem alles weitere im Leben von Alison Bechdel zu erwachsen scheint. Denn auch wenn die anderen Mitglieder der Familie Bechdel in der Geschichte verwoben sind, so spielen sie immer nur eine Nebenrolle oder dienen der Erklärung von Wesenszügen der einzig beiden Hauptfiguren: Alison Bechdel und ihrem Vater Bruce Bechdel.

Und so lernt der Leser des Comics besondern ihn über die folgenden Kapitel des Comics kennen: Als zerrissenen Mann, der zu bersten scheint, zwischen dem großen Geheimnis seiner eigenen Homosexualität, seiner Manie, trotzdem für seine Familie, durch die besessen-penible Renovierung eines viktorianischen Herrenhauses, das perfekte Heim zu errichten und dem Mühen, ein fürsorgender Vater zu sein, der sich um die Moral und die Bildung der eigenen drei Kinder sorgt – und dem Umstand, dabei immer wieder die Kontrolle über sich zu verlieren, von dessen Umständen er gleichzeitig gefesselt scheint.

Die kulturelle Bildung der Kinder, vor allem in der Literatur, spielt in der Betrachtung der Familien-Vergangenheit durch Alison Bechdel die wesentliche Rolle. So treffen wir Alison und ihren Vater immer wieder in der hauseigenen Bibliothek, wo sie Bücher und Gedanken über Bücher austauschen. Immer wieder nutzt Bechdel vor allem dieses Bindeglied zwischen sich und ihrem Vater als Stilmittel innerhalb des Comics. Sei es durch das direkte Zitieren von Passagen aus Werken der Weltliteratur wir Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, James Joyces „Ullyses“ (in das sie, trotz ihrer Bildung, wie jeder andere nicht einzutauchen vermag; was in einer sympathisch amüsanten Episode erzählt wird), Homers „Odyssee“ oder der „Ikarus”-Saga, mit der die Geschichte eröffnet wird, als Alison Bechdel davon erzählt, wie sie mit ihrem Vater, wie jeder auch, „Flugzeug” spielt. Sie hoch oben auf den ausgestreckten Füßen ihres Vaters:

„Im Zirkus heißen Nummern, bei denen der Untermann auf dem Boden liegt und seinen Partner in der Schwebe hält „Ikarische Spiele“. Da Ikarus entgegen dem Rat seines Vaters so nahe zur Sonne flog, dass diese das Wachs seiner Flügel schmolz, mag man da eine Prise Ironie entdecken. In unserer Neuauflage dieses Mythos sollte nicht ich, sondern mein Vater vom Himmel stürzen.” Alison Bechdel, Fun Home

Strukturell arbeitet Bechdel – gottseidank – nicht linear. Sie nutzt Versatzstücke ihrer Historie, reißt sie aus ihrer chronologischen Ordnung und setzt sie so zusammen, dass sie in ihrer neuen zeitlichen Aneinanderreihung wiedergeben, weshalb die Dinge für sie so gekommen sind, wie sie gekommen sind.

Alison Bechdel, Foto © Greg Martin

Alison Bechdel, Foto © Greg Martin

„Fun Home“ ist zum einen die wundervolle Geschichte des Erwachsenwerdens eines jungen Mächens in einem Land und einer Generation, die Anfang der 1970er erstmals die Bigotterie der Nachkriegsgesellschaft durchbrechen konnte. Die Watergate-Affäre bildet hier beispielsweise als kleiner Nebenschauplatz eine weitere Gelegenheit, eine Parallele zwischen Bechdels eigener Entwicklung und dem Wechsel in der Gesellschaft zu ziehen. Die Geschichte erzählt aber auch von der Findung der eigenen Sexualität und dem Umstand, dass man Verbündete manchmal dort findet, wo man sie am wenisten erwartet hat. Und es ist natürlich der Erfahrungsbericht einer jungen Frau auf der Suche nach ihrer ganz privaten Identität und den Wurzeln, aus denen sie erwachsen ist. Und an dessen Ende …

Aber „Nein!“. Das Ende ist auf eine eigene Art zu wundervoll, um es auch nur ansatzweise anteasern zu wollen. Nur soviel sei gesagt: Wenn man zum Selbstverständnis seines Seins seine Eltern begreifen muss, dann ist etwas viel größeres von Nöten, um nach dem Moment, an dem sie nicht mehr erklären können, mit und an sich weiterzumachen.

Toll.

Die englische Original-Version

Dabei weiß ich gar nicht, ob ich jede einzelne Nuance der Geschichte wirklich erfasst habe. Wie gesagt: Ich habe es im englischen Original gelesen. Und in der Wortwahl Bechdels erkennt man bald die Literatin die sie ist. Das ist Englisch auf einem Niveau, das über das Allgemeine hinaus geht. Ich habe nicht, wie mein Bruder, ein Wörterbuch zu Hilfe genommen. Und so sind viele Wörter an mir vorbei geglitten und so manchen Satz habe ich mir aus dem Kontext heraus zusammengereimt, ohne ihn wörtlich zu verstehen. Das meiste jedoch habe ich begriffen. Und der Rest fühlte sich an wie wie ein guter Song in einer fremden Sprache: Ich habe die Melodie und den Rhythmus gespürt. Und das hat sich gut angefühlt. Ich werde das ganze nun noch einmal in Deutsch lesen. Bin mir aber sicher, dass im hölzernen unserer Sprache viel von Bechdels intellektueller Leichtigkeit verloren geht. Denn damit tun sich Deutsche nun einmal schwer, intellektueller Leichtigkeit.

Die Zeichnungen in „Fun Home“

„Fun Home“ ist ein Autorencomic. So steuerte Bechdel nicht nur das Skript bei, sondern fertigte auch alle Zeichnungen selbst an. Einer der Gründe, dass der Entstehungsprozess des Comics sieben Jahre in Anspruch genommen. Bechdel hat akribisch Familienarchive nach Vorlagen, Googles Bildersuche nach Referenzmaterial durchsucht. Die Posen der Figuren auf den meisten der Motive hat sie selbst nachgestellt und die enstandenen Foto als Vorlage genutzt. Es war ihr zu jedem Zeitpunkt wichtig, die Dinge so akurat wie möglich wiederzugeben. Eine schöne Anekdote findet sich in dem englischen  Wikipedia-Artikel zu „Fun Home“:

“[...] Bechdel also used photo reference for background elements. For example, to illustrate a panel depicting fireworks seen from a Greenwich Village rooftop on July 4, 1976, she used Google Images to find a photograph of the New York skyline taken from that particular building in that period. [...]“

Der Zeichenstil selbst ist unprätentios und rational. Der Strich ist sauber und unauffällig gelungen. Er abstrahiert die Figuren genug, um sich nicht dem Voyeurismus in einer brisanten Geschichte verdächtig zu machen und klar genug, um die Figuren realistisch und damit glaubwürdig wiederzugeben. In der Kolorierung hat sich Bechdel zurückgenommen und Panels lediglich in blassem Blau und Grau Schattierung schattiert. Das genügt, um den Bildern Tiefe zu geben. Gleichzeitig heben sie die Zeichnungen auf eine Ebene, die abstrakt genug ist, um als „real“ durchzugehen. Mehr Farbe wäre hier wenig hilfreich gewesen. Weniger wird häufig als störend beim „lesen“ der Bilder angesehen.

Da ich mich in keine rechtlichen Nesseln sitzen will verzichte ich bewusst auf das Abbilden von Panels, mache mir aber zu Nutze, dass andere „mutiger“ sind und biete hier ein paar Links auf Abbildungen aus dem Comic: 1, 2, 3, 4 und 5. Außerdem gibt es weitere Abbildungen auf der „Fun Home“-Seite des amerikanischen Verlags Hought Mifflin Harcourt.

Auf der Website des deutschen Verlegers Kiepenheuer & Witsch bin ich – dank der liebenswerten Hilfe der Verlagsmitarbeiterin Tina Pfeifer – auf das folgende Video über „Fun Home“ gestoßen in dem man auch einen Einblick in die Zeichnungen bekommt.

Beitrag aus „titel thesen temperamente“ über Alison Bechdel

Sollst du das lesen?

Wenn du Spaß an guten Geschichten und Comics hast, heißt die Antwort in jedem Fall: „Ja!“ Mit 19,95 Euro (Amazon-Link) ist es wirklich nicht zu teuer.

Aber vor allem, wenn das Thema „Wo komme ich her? Was stelle ich damit an?” für dich relevant ist, solltest du „Fun Home“ bei deinem nächsten Buch-Kauf berücksichtigen. Und auch für jeden, der nicht nur nicht über diesen Punkt hinaus ist, sondern ihn noch nicht einmal im Blick hat, bietet „Fun Home“ vielleicht die Anreize, sich genau auf diese Reise zu begeben. Wenn man Glück hat, an einem Punkt, an dem man noch einmal den Hörer hochnehmen, „Daddy“ anrufen und nachfragen kann, was das alles soll, mit diesem Ding Leben. Bevor es zu spät ist.

Mir hat das Comic viel Spaß gemacht und seit langem mal wieder diesen „Lese-Blues“ ausgelöst, der einen nach einem guten Buch heimsucht. Man würde so gerne weiterlesen. Aber die Geschichte ist zuende.

Deshalb freue ich mich diebisch darauf, es noch einmal auf deutsch zu lesen.

Weitere Links:

AfterEllen.com – Alison Bechdel’s Life in the Fun Home
Wikipedia Artikel zun „Fun Home”

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7 Kommentare »

  • Christian said:

    wirklich ein sehr schönes buch und ich würde es trotzdem fast jedem/r empfehlen es auf englisch zu lesen.
    ein, meiner meinung nach, noch besseres comic mit ganz ähnlichem thema wäre rutu modans “exit wounds”.

  • markus.freise (author) said:

    Danke für den Tipp. Exit Wounds werde ich mir mal anschauen.

  • Mischa said:

    Hat hoffentlich nichts mit der Steven Segal Zelluloid-Katastrophe gleichen Namens zu tun… ;)

  • markus.freise (author) said:

    Das hatte ich auch gerade gegoogled. ;-) Nein. Ist ein waschechter Comic, den ich zwar vom Hörensagen kenne aber noch nicht gelesen habe. Wenn das so weiter geht, werde ich noch Amazon-Premium-Kunde.

  • stefan said:

    nun, nachdem ich die zeit gefunden habe, diesen beitrag zu lesen, möchte ich ihn als ursächlicher inspirant natürlich gernstens kommentieren:

    1) ich stimme zu 99% zu …

    2) es ist egal, ob dein vater noch lebt, wenn du dich damit auseinandersetzen möchtest, was er für dich war und ist. es geht immer um das bild, das er in(!) dir hinlassen hat, wenn du zu fragen beginnst. alles andere, was er dir heute noch geben könnte, ist information. die emotionale beziehung ist bereits fixiert. oder so ähnlich.

    3) ich habe bereits in die deutsche version hereingeblättert und kann nur erstarken: lest es auf deutsch. auf englisch geht einem wirklich viel verloren. infos, metaphern und poesie.

    4) letztens habe ich “blankets” gelesen. das kommt schon aus der selben ecke, schmeckt nur mehr nach “jungs” als nach “mädel”. aber auch groß. und fast 600 seiten start. mehr gibt es demnächst auf http://www.heart.de.

  • markus.freise (author) said:

    Natürlich geht es um das Bild das er in mir hinterlassen hat. Darauf kann ich aufbauen. Oder abbauen. Auch deshalb hatte ja auch Bechdel mit einigen Hürden zu kämpfen, die ihre Mutter und ihre Geschwister beim Schreiben von „Fun Home“ aufgestellt haben. Eben vermutlich weil sie einige Dinge anders gesehen haben werden, als sie. Aber alles andere als meine Sicht auf ihn interessieren mich ja nicht; zumindest nicht im Hinblick auf meine Entwicklung. Gewesen und kommend. Und egal was man sich vormacht: Es gibt keine abschließende Wahrheit. Denn alles was dein Vater für dich ist und war entsteht aus dem, was du bist. Wie du sagst: Er ist in dir.

  • Christian said:

    blankets fand ich auch ganz gut, obwohl mir goodbye chunky rice von craig thompson, von dem auch blankets ist, nochmal um einiges besser gefallen hat

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