Künstlerpärchen
So wurde auch ich, Skeptiker des NRW-Semestertickets (dem damit ein höherer Pflichtbetrag einfach so aufgedrückt wurde), am Wochenende eines Besseren belehrt. Warum nicht einfach mal einen Tagesausflug in eine Rheinmetropole unternehmen, womit sich die halbjährlichen Mehrkosten (zirka 30 Euro) sofort wieder amortisieren?
Gesagt, getan, setzte ich mich am Sonntagmorgen mit der Liebsten in den Regionalexpress in Richtung Köln. Das dortige Wallraf-Richartz-Museum führt seit letztem Freitag (und bis zum 8. Februar) eine Ausstellung mit dem Titel „Künstlerpaare“.

Sacha Brohm meinte in einem seiner (ironisch gehaltenen) Texte sinngemäß, wenn er eines Tages einmal unter einer Schaffenskrise leiden sollte, wäre es das Beste, man hätte einen geliebten Partner, der sich umbringt. Das daraufhin entstehende Leiden sei in vielen Fällen für die Kreativität förderlich. Ob man nun gleich zu derart drastigen Mittel greifen sollte, um sich inspiriert zu fühlen, sei einmal dahingestellt. Nach einem Gang durch die Kölner Ausstellung wird aber schnell klar, dass der Einfluss der Liebesbeziehung beim Entstehen von Kunst bei vielen nicht von der Hand zu weisen ist.
Gleich am Eingang der Galerie wird der Besucher mit Camille Claudels Schmerz konfrontiert, den sie mit der „Flehenden“ zum Ausdruck brachte. Mit der auf Knien bittenden Figur verarbeitete sie die dramatisch endende Beziehung mit Auguste Rodin (der zu seiner langjährigen Partnerin zurückkehrte und die 24 Jahre jüngere Claudel verließ).
Ein Literatur- oder Kunstprofessor würde an dieser Stelle pausenlos Roland Barthes zitieren und sagen, dass die Ansicht des Autors/Malers uns bei der Rezeption oder dem Betrachten des Werks nicht zu interessieren habe. Aber mal im Ernst: Gibt es etwas Spannenderes als den Gossip hinter der Entstehung von Bildern wie denen Frida Kahlos? Es muss schließlich nicht unbedingt eine „Message“ dahinterstecken. Um es mit dem Deutschlehrer der Freundin zu sagen: „Künstler können manchmal einfach nicht anders, als sich auf diesem Weg auszudrücken.“
Eben dieses „Nicht-anders-Können“, der künstlerische Kanal wird besonders deutlich bei Verhältnissen wie dem zwischen Hannah Höch und Raoul Hausmann. Er wollte sich nicht von seiner Ehefrau trennen und verlangte von Hannah, ihre traditionellen Vorstellungen zugunsten einer Dreiecksbeziehung aufzugeben. Entgegen ihrem Kinderwunsch hatte sie zwei Schwangerschaftsabbrüche, und vor diesem Hintergrund liest sich ihr Bild „Frau und Saturn“ als eines der kraftvollsten der ganzen Ausstellung. Eine stark stilisierte Frau hält ein Baby in ihrem Arm, während hinter ihrem Rücken ein dunkler, mit Saturn betitelter Mann bedrohlich auf die beiden schaut. Saturn war in der römischen Mythologie der Gott, der einer Prophezeiung nach von einem seiner Söhne entmachtet werden sollte. Daraufhin fraß er alle seine Söhne lebendig auf (bis auf einen, aber das tut hier nichts zur Sache).
Fast fühlt man sich als Betrachter versucht, dem Stereotyp des schwierigen Künstlers zu erliegen oder sogar dem Verdacht, alle diese Personen des (vornehmlich 19. und 20. Jahrhunderts) seien so etwas wie Vorreiter in Sachen individualistischer Lebensführung, die dann die Beziehungsschwierigkeiten mit sich bringt.
Doch dann erhält man wieder Lichtblicke wie das liebevolle Gemälde von Paula Modersohn-Becker, mit dem sie ihren schlafenden Mann festgehalten hat.
Oder aber die Ehe und Arbeit des Dadaistenpaares Arp. Sie bildeten die ideale Künstlergemeinschaft, indem sie sich inspirierten, oft gemeinsame Werke schufen. Nach Sophies Unfalltod auf einer Reise nach Zürich schrieb er: „Sophie ist ein Himmel, Sophie ist ein Stern, Sophie ist eine Blume. Meine wichtigste Begegnung“ (Zitat). Hans Arp setzte daraufhin noch lange Zeit ihre Entwürfe in die Realität um. Trés romantique, je pense.
Anregung bietet die Ausstellung „Künstlerpaare“ also in vielerlei Hinsicht, ob künstlerisch oder für eine Reflexion der eigenen Beziehungen (i.S. von „Hoffentlich werde ich nie so!“). Etwas, was man später vielleicht nicht unbedingt über sich und seine/n Partner/in lesen möchte, könnte der Satz über das Designerpaar Eames sein, wie er im Ausstellungsbegleiter zu finden ist: „Das erste Objekt, in dem ihr gemeinsames Gedankengut verwirklicht wurde, war ein Stuhl aus Sperrholz.“
Zu sehen sind Werke der folgenden Paare:
1. Camille Claudel (1864-1943) & Auguste Rodin (1840-1917)
2. Paula Modersohn-Becker (1876-1907) & Otto Modersohn (1865-1943)
3. Marianne von Werefkin (1860-1938) & Alexej von Jawlensky (1864-1941)
4. Gabriele Münter (1877-1962) & Wassily Kandinsky (1866-1944)
5. Natalia Gontscharowva (1881-1962) & Michail Larionow (1881-1964)
6. Sophie Taeuber-Arp (1889-1943) & Hans Arp (1886-1966)
7. Hannah Höch (1889-1978) & Raoul Hausmann (1886-1971)
8. Sonia Delaunay-Terk (1885- 1979) & Robert Delaunay (1885-1941)
9. Frida Kahlo (1907-1954) & Diego Rivera (1886-1957)
10. Georgia O’Keeffe (1887-1986) & Alfred Stieglitz (1864-1946)
11. Lee Krasner (1908-1984) & Jackson Pollock (1912-1956)
12. Ray Kaiser Eames (1912-1988) & Charles Eames (1907-1978)
13. Niki de Saint Phalle (1930-2002) & Jean Tinguely (1925-1991)
Links:
Museum Wallraf-Reichartz


















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“Aber mal im Ernst: Gibt es etwas Spannenderes als den Gossip hinter der Entstehung von Bildern wie denen Frida Kahlos?”
ja, zum beispiel fast alles, was nichts mit frida kahlo zu tun hat…
Also, ich kann nachts manchmal gar nicht einschlafen ob des Nervenaufriebs von ihren Bildern
“einfach so aufgedrückt”?
hüstel.
witzigerweise waren die gegner des nrw-semestertickets sogar hauptsächlich argumentativ dahingehend bewaffnet, dass gerade eben solche “vergnügungsreisen” ja wohl nicht mitfinanziert gehören.
mein argument dafür war immer die erhöhung der generellen studentischen mobilität, speziell ohne auto und die dadurch ermöglichte teilhabe an kulturellem und sozialem leben.
ich danke hiermit herzlichst für die nachträgliche bestätigung meiner these. und wünsche auch in zukunft viel freude beim kulturellen großausflug…
Trotz den NRW-Ticket, was ich sehr begrüße, habe ich mich am Wochenende für den ICE nach Köln entschieden. Gesamtpreis 70 EUR für 3 Leute hin und zurück, ohne Umsteigerei und Bummelei. Genau so teuer wie das schöne Wochenende-Ticket.
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