Wie ich beinahe Stefan Aust terrorisierte
Später, so gegen 22 Uhr gestern, bekomme ich eine SMS von Mischa. Es sei eine milde Nacht auf Kos, schreibt er. 23 Grad Celsius habe es und dass man dort das Klopapier nach der Verwendung in die Mülleimer werfen würde statt in die Schüssel. Gut, diese Verhaltensnorm auf den griechischen Inseln war mir aufgrund meiner letztjährigen Erfahrungen auf Kreta keine neue.

Doch dann will er wissen, wie Arminia gespielt habe und ich befinde mich in der Bredouille. Bis kurz zuvor hatte ich keine Gelegenheit, mich darüber zu informieren, wusste noch nicht einmal von dem DFB-Spiel, und saß mit dem “Fleisch” (a.k.a. freie Mitarbeiter) der Redaktion und anderen im New World.
Ich erkundige mich nach dem Ergebnis, doch ich sehe nur schüttelnde Köpfe und unwissende Mienen. In diesem Moment denke ich noch, dass es zum Glück noch andere Ressorts gibt, die sich damit zentral befassen. Stattdessen erfahre ich andere Sachen: Stefan Aust liest gerade gegenüber bei Thalia, eine Mitarbeiterin ist auch dort. Mir kommt der Gedanke, wie schön das doch wäre, für die neue Liebe, die über 68er Rezeption promoviert, einen signierten Komplex zu bekommen. Darum leihe ich mir das Handy des Redaktionschefs und versuche, die Mitarbeiterin anzurufen.
Im Gedanken stelle ich mir vor, wie Stefan Aust gerade in diesem Moment aus den spannendsten Stellen seines Werkes vorliest, zum Beispiel über die Befreiung der Kids von Ulrike Meinhof. Die Zuhörer halten den Atem an, wissen zwar, dass die Sache gut ausgehen wird, doch Stefan Aust wird die Geschichte, wie er heldenmütig die Kinder vor dem Guerilla-Camp rettete, so geschickt erzählen und intonieren, dass dem Hörer der weitere Verlauf plötzlich ungewiss erscheinen wird.
Seine Situation wirkt ganz und gar unglücklich, als Aust mit den Kindern in seinem Rücken (schützend natürlich) in die Mündung einer Waffe blickt. Stefan Austs Stimme vibriert, er durchlebt diese dramatischen Sekunden seines Lebens beim Vorlesen erneut.
Doch dann erklingt ein stetig lauter werdender T-Mobile-Klingelton mit Paul Potts und ringt mit Austs Vibrato: Ich will ein Autogramm! Ich terrorisiere den Ex-Spiegel-Chef.
Von dieser Situation hätte ich erzählen können, hätte die Mitarbeiterin ihr Handy nicht – weise, wie sie ist – abgestellt. Lange, ach, über Generationen hinweg hätte man noch darüber gesprochen. Eigentlich ist es sogar schade darum.
Immerhin konnte ich, da ich mich mit dem Telefon ein wenig abseits gestellt hatte, die Bedienung sprechen und um das Fußballergebnis bitten. Die 2:0-Niederlage fand Mischa dann nicht so schön.
Aber der soll sich mal gerade nicht beschweren!
(Foto: zimpenfish; Lizenz)
Dieser Artikel erschien bereits und ist dem Archiv unseres Vorgänger-Blogs entnommen. Hier geht’s zum Originalbeitrag.



















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